Privileged Identity Management (PIM) einrichten

von

Wissen

Praxis-Artikel  rund um Microsoft Entra ID – alle frei verfügbar. Conditional Access, MFA, PIM, Governance, Hybrid, NIS2.

Beratung

Beratung, Projektbegleitung, Quick Health Check deines Entra-Tenants. Conditional-Access-Audits, MFA-Rollout, Governance-Aufbau und NIS2-/DORA-Vorbereitung.

Fachbücher

Mein Fachbuch zu Microsoft Entra ID – Architektur, Conditional Access, MFA, PIM, Governance, Hybrid und NIS2-Compliance. Kompromisslos praxisnah. In Vorbereitung!

Tools

Der Entra Diagnostiker analysiert deinen Tenant in 14 Modulen: Conditional Access, MFA, Guest-Hygiene, PIM. Lokal, DSGVO-konform, mit NIS2-Mapping.

Schulungen

Online-Workshops zu Entra ID, Conditional Access, MFA-Rollout, PIM und NIS2-Compliance – kompakt, hands-on, ohne MOC-Folienschlacht.

Privileged Identity Management (PIM) einrichten

Keine stehenden Adminrechte – Just-in-Time-Rechtevergabe mit Entra ID PIM

Privileged Identity Management (PIM) sauber einrichten

Privileged Identity Management ist nicht „MFA für Admins" und auch kein Häkchen, das du einmal setzt. PIM verwandelt dauerhafte Adminrechte in Rechte auf Antrag und auf Zeit – berechtigt sein und es gerade sein werden zwei verschiedene Dinge. Wer PIM richtig aufsetzt, hat im Normalbetrieb null stehende Privilegien im Tenant. Und genau das ist der Punkt: Ein gestohlenes Admin-Konto, das gerade nur eligible ist, öffnet dem Angreifer exakt gar nichts.

Skizze 1: Der PIM-Aktivierungsfluss – aus „berechtigt" wird zeitlich begrenzt „aktiv", mit MFA, optionaler Genehmigung und automatischem Entzug.

Info – was PIM ist und was es kostet

PIM (früher Teil von „Azure AD Premium") ist Just-in-Time-Rechtevergabe für Entra-Rollen und Azure-Ressourcenrollen. Statt jemandem die Rolle „Global Administrator" dauerhaft zuzuweisen, machst du ihn nur berechtigt (eligible). Die Rolle wird erst beim Aktivieren scharf – mit MFA, Begründung und Ablaufzeit.

Lizenz: PIM braucht Entra ID P2 (bzw. Entra ID Governance) für jeden, der eligible-Zuweisungen nutzt. Free und P1 reichen nicht. Das ist die häufigste böse Überraschung: Konzept verstanden, Pilot gebaut, dann fehlt die Lizenz für die Praxis.

Warum stehende Adminrechte dein größtes Risiko sind

Die unbequeme Wahrheit aus jedem zweiten Tenant-Review: Es gibt viel zu viele dauerhafte Global Admins. Acht, zwölf, manchmal zwanzig – „weil es praktisch war". Jedes dieser Konten ist eine offene Tür rund um die Uhr. Phishing, Token-Diebstahl, ein versehentlich öffentliches Skript mit Klartext-Credential: Ein einziger Treffer reicht, und der Angreifer ist sofort Tenant-Owner.

PIM dreht das Modell um. Im Ruhezustand hat niemand Adminrechte. Wer etwas braucht, aktiviert die Rolle für ein paar Stunden, mit MFA und Begründung, und sie verschwindet danach von selbst. Das reduziert die Angriffsfläche nicht graduell, sondern strukturell.

Skizze 2: Dauerhafte Adminrechte vs. PIM – derselbe Mensch, aber im Normalbetrieb keine offene Tür mehr.

Achtung – die Notausgang-Falle

Bevor du alle Global Admins in eligible umwandelst: Lege mindestens zwei Break-Glass-Konten an, die NICHT in PIM laufen, sondern dauerhaft Global Admin sind, ausschließlich mit FIDO2-Key oder sehr langem Passwort gesichert und von Conditional Access ausgenommen. Wenn PIM, MFA oder der Genehmiger-Workflow mal klemmt – und das passiert – sind das deine einzigen Schlüssel zurück in den Tenant. Schließt du dich ohne Break-Glass-Konto aus, bleibt nur der Microsoft-Support. Das kostet kein Geld, aber ein verlorenes Wochenende.

Eligible, Active, Permanent – die Begriffe, an denen alle scheitern

PIM kennt zwei Achsen, und ihre Kombination entscheidet über das Verhalten. Verwechselst du sie, baust du entweder ein Sicherheitsloch oder eine Bürokratie-Hölle.

Zuweisungsart

Bedeutung

Wann sinnvoll

Eligible (berechtigt)

Darf die Rolle aktivieren, hat sie aber im Ruhezustand nicht. Aktivierung mit MFA/Begründung.

Standard für fast alle Adminrollen. Das ist der ganze Sinn von PIM.

Active (aktiv)

Rolle ist sofort und ohne Aktivierung scharf.

Nur wo Just-in-Time technisch nicht geht (z. B. manche Dienstkonten).

Permanent

Kein Ablaufdatum – gilt für eligible wie active.

Vermeiden. Allenfalls für Break-Glass-Konten (active permanent).

Time-bound

Mit Start-/Enddatum.

Projekte, Vertretungen, externe Berater. Pflicht für alles Befristete.

Praxis-Tipp – die Faustregel, die du dir merken kannst

Eligible + time-bound ist der Default für Menschen. Active + permanent gibt es nur für deine zwei Break-Glass-Konten und – wenn überhaupt – für klar dokumentierte Dienstkonten. Findest du bei einem Audit ein „Active permanent" auf einer menschlichen Identität, ist das fast immer ein Altlast-Fund, der da nicht hingehört.

Die Rolleneinstellungen, die wirklich zählen

Eligible-Zuweisungen sind nur die halbe Miete. Das Verhalten steuerst du pro Rolle über die Aktivierungs-Einstellungen. Diese Defaults solltest du bewusst setzen, nicht übernehmen:

Einstellung

Empfehlung

Begründung

MFA bei Aktivierung

An

Ohne MFA ist PIM nur ein Verzögerungsknopf, keine Sicherheit.

Begründung erzwingen

An

Erzeugt die Audit-Spur. „Patchday Server X, Ticket 4711" statt Schweigen.

Ticket-Info erzwingen

An, wo es ein Ticketsystem gibt

Verknüpft Aktivierung mit Change-Prozess.

Genehmigung erforderlich

An für Global Admin & Privileged Role Admin

Vier-Augen-Prinzip für die gefährlichsten Rollen.

Max. Aktivierungsdauer

1–4 Stunden

Lang genug für die Arbeit, kurz genug fürs Risiko. Nicht 8.

Skizze 3: Was beim Klick auf „Activate" abläuft – MFA, optionale Genehmigung, JIT-Zuweisung und automatischer Entzug nach Ablauf.

Achtung – der Self-Approval-Klassiker

Wenn du „Genehmigung erforderlich" aktivierst, der einzige Genehmiger aber dieselbe Person ist, die aktiviert, hast du Theater statt Kontrolle gebaut. Genehmiger müssen eine andere Personengruppe sein. Und: Hinterlege immer mehr als einen Genehmiger, sonst steht der ganze Aktivierungsprozess, sobald dein einziger Genehmiger im Urlaub ist.

Umsetzung mit PowerShell (Microsoft Graph)

Das Portal ist für den Einstieg gut, für die saubere, wiederholbare Einrichtung nimmst du Graph. Eligible-Zuweisung einer Rolle über das Microsoft.Graph-Modul:

Connect-MgGraph -Scopes "RoleManagement.ReadWrite.Directory"

 

# Rollendefinition holen (Beispiel: User Administrator)

$role = Get-MgRoleManagementDirectoryRoleDefinition `

-Filter "displayName eq 'User Administrator'"

 

# Eligible-Zuweisung, befristet auf 180 Tage

$params = @{

action = 'adminAssign'

principalId = $userObjectId

roleDefinitionId = $role.Id

directoryScopeId = '/'

scheduleInfo = @{

startDateTime = (Get-Date).ToString('o')

expiration = @{ type = 'afterDuration'; duration = 'P180D' }

}

}

New-MgRoleManagementDirectoryRoleEligibilityScheduleRequest -BodyParameter $params

Achte auf das Verb im action: adminAssign legt eligible an, selfActivate wäre die Aktivierung durch den Nutzer selbst. Verwechselt man das im Skript, weist man aus Versehen aktive Rollen zu – das genaue Gegenteil des Ziels.

Beispiel aus der Praxis

Die Trendforge Digital GmbH, Cloud-first-Startup, war schnell gewachsen: Aus „wir zwei machen das eben" waren elf dauerhafte Global Admins geworden, weil bei jedem neuen Projekt einfach jemand die Rolle bekam. Ein Phishing-Vorfall – ein Entwickler klickte auf eine gefälschte MFA-Aufforderung – machte schmerzhaft klar, was elf offene Türen bedeuten. Glück im Unglück: Das getroffene Konto war zufällig kein Admin.

Die Aufräumaktion: Zuerst zwei Break-Glass-Konten mit FIDO2-Keys, sauber dokumentiert und im Tresor. Dann alle elf Global Admins auf eligible umgestellt, Aktivierung auf zwei Stunden begrenzt, MFA und Begründung Pflicht, für Global Admin zusätzlich Genehmigung durch die Geschäftsführung. Nach vier Wochen Monitoring zeigte sich: Drei der elf hatten die Rolle in der ganzen Zeit kein einziges Mal aktiviert. Die brauchten sie nie – sie hatten sie nur. Diese drei Zuweisungen flogen ganz raus. Aus elf dauerhaften Tenant-Ownern wurden acht berechtigte Admins mit null stehenden Rechten.

Verwandte Artikel

  • Die Übersicht aller Themen: Microsoft Entra ID – der komplette Leitfaden
  • Access Reviews und Entitlement Management in der Praxis: PIM schaltet Rechte auf Zeit, Access Reviews prüfen regelmäßig, ob sie überhaupt noch nötig sind.
  • Administrative Units sinnvoll nutzen: Delegation eingrenzen, damit Admins nur den Bereich sehen, den sie verwalten.
  • Conditional Access Policies richtig aufbauen: die zweite Hälfte der Admin-Absicherung.
  • Häufige Fragen (FAQ)

    Frage: Brauche ich für PIM zwingend Entra ID P2?

    Antwort: Ja. PIM mit eligible-Zuweisungen, Aktivierung, Genehmigungen und Access-Review-Integration setzt Entra ID P2 oder Entra ID Governance voraus – pro Nutzer, der eligible ist. P1 und Free reichen nicht. Plane die Lizenzkosten von Anfang an ein, sonst scheitert der Rollout genau dann, wenn er produktiv werden soll.

    Frage: Was ist der Unterschied zwischen eligible und active?

    Antwort: Eligible heißt: darf die Rolle aktivieren, hat sie im Alltag aber nicht. Active heißt: hat die Rolle sofort und permanent scharf. Der ganze Sinn von PIM steckt in eligible – aktive Dauerzuweisungen sind genau das, was du loswerden willst.

    Frage: Verliere ich durch PIM den Zugriff, wenn etwas schiefläuft?

    Antwort: Das ist das Hauptrisiko – und genau dagegen gibt es Break-Glass-Konten. Lege vor dem Rollout mindestens zwei dauerhaft aktive Notfall-Admins an, die nicht in PIM laufen und mit FIDO2 gesichert sind. Solange die existieren und getestet sind, kommst du immer zurück in den Tenant.

    Frage: Wie lange sollte eine Aktivierung maximal gültig sein?

    Antwort: Ein bis vier Stunden sind in der Praxis der gute Korridor. Lang genug, um die Arbeit zu erledigen, kurz genug, dass eine vergessene aktive Rolle kein großes Zeitfenster aufreißt. Acht Stunden oder „den ganzen Tag" untergraben den Sinn.

    Frage: Kann ich PIM auch für Azure-Ressourcen und Gruppen nutzen, nicht nur für Entra-Rollen?

    Antwort: Ja. PIM gibt es für Entra-Rollen, für Azure-Ressourcenrollen (Subscriptions, Resource Groups) und für PIM-fähige Sicherheitsgruppen. Gerade Letzteres ist mächtig: Du machst die Gruppenmitgliedschaft selbst eligible und steuerst damit alles, was an der Gruppe hängt.

    Frage: Sollte der Genehmiger die Aktivierung selbst genehmigen dürfen?

    Antwort: Nein. Self-Approval hebt das Vier-Augen-Prinzip auf und ist nur Bürokratie ohne Sicherheitsgewinn. Genehmiger müssen eine andere Personengruppe sein als die Antragsteller, und es sollten immer mehrere hinterlegt sein, damit der Prozess Urlaub und Krankheit übersteht.

    Wie geht es weiter?

    Dein nächster Schritt

    Zu viele dauerhafte Admins im Tenant und keine klare Vorstellung, wo du beim Umbau anfängst? Im Entra-ID-Health-Check schauen wir uns deine Rollenlandschaft an, finden die stehenden Privilegien und die fehlenden Break-Glass-Konten und liefern eine priorisierte Liste an Quick Wins – damit der PIM-Rollout nicht im Lizenz- oder Notausgang-Problem stecken bleibt.