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von | Apr. 30, 2026 | CB-M365, Consulting Briefing | 0 Kommentare

Consulting Briefing: Thema des Tages

Claude in Copilot Cowork für lange Multi-Step-Workflows

AI / COPILOT • CLAUDE • MICROSOFT 365

 

Claude in Copilot Cowork für lange Multi-Step-Workflows

Warum dein Copilot plötzlich nicht mehr nur antwortet, sondern stundenlang abarbeitet – und was das für deine IT, deine Berater und dein Lizenzbudget bedeutet.

 

Executive Summary

Microsoft hat am 9. März 2026 als Herzstück der M365-Copilot-Wave-3 den Cowork-Agenten angekündigt. Seit dem 30. März steht er im Frontier-Programm bereit. Unter der Haube werkelt nicht mehr nur OpenAI, sondern Anthropics Claude – standardmäßig Sonnet 4.6, für die schweren Bröckchen Opus 4.6. Der entscheidende Sprung: Du beschreibst nicht mehr Prompts, du beschreibst Outcomes. Cowork zerlegt das Ergebnis in einen Plan, führt ihn über Outlook, Teams, Excel, Word, PowerPoint und SharePoint aus und meldet sich an Checkpoints zurück. Tasks laufen über Minuten oder Stunden, nicht über Sekunden.

Für dich als Consultant oder IT-Lead bedeutet das: Du bekommst zum ersten Mal einen Agenten, der quer über den M365-Stack arbeitet, dabei in der Tenant-Governance bleibt und dem du mit gutem Gewissen einen Kalender oder ein Rechercheprojekt anvertrauen kannst. Du musst aber jetzt aufräumen, sonst macht der Agent dir die Schwachstellen deines Berechtigungsmodells in HD sichtbar. Dieses Briefing zeigt dir, wo der Hebel liegt, wo die Stolperdrähte verlegt sind und was du in den nächsten 30, 60 und 90 Tagen vorbereitest.

TL;DR für Eilige

Cowork ist der erste Multi-App-Agent in M365, der mit Claude reasoniert. Er ist im bestehenden Copilot-Abo enthalten, benötigt aber Frontier-Opt-in. Bevor du loslegst: SharePoint-Berechtigungen, Sensitivity Labels und Subprozessor-Freigabe für Anthropic prüfen. Sonst exfiltriert dir der Agent elegant deine Personalakten in eine Vorstandspräsentation.

 

Worum geht es im Detail? Hintergründe und Architektur

Die alte Welt von M365 Copilot war im Kern eine Chat-Maschine. Du hast einen Prompt geschickt, ein Modell hat eine Antwort produziert, du hast Copy-Paste gemacht. Selbst die berüchtigten Agents in Copilot Studio waren im Wesentlichen schmale Workflows mit ein paar Tools dran. Cowork ist eine andere Klasse. Der Agent erhält ein Ziel – etwa: „Bereite mich auf das Q2-Review mit der Region Nord vor“ – und entscheidet selbst, welche Schritte er gehen muss, welche Quellen er liest, welche Artefakte er erzeugt und wann er dich konsultiert.

Technisch sitzt unter der Plan-to-Action-Schleife eine Komponente, die Microsoft Work IQ getauft hat. Work IQ aggregiert Kontextsignale aus deinem M365-Tenant: dein Beziehungsgraph aus Outlook, dein Kalender, dein Dateibestand in OneDrive und SharePoint, deine Teams-Konversationen. Daraus baut Cowork ein Bild von dir, deinem Team und der Aufgabe. Das eigentliche Reasoning, also die Frage „in welcher Reihenfolge mache ich was und warum“, übernimmt Claude. Anthropics Modelle haben sich exakt in dieser Disziplin bewährt: lange Tool-Use-Ketten, Selbstkorrektur, das Ausbalancieren mehrerer Sub-Goals. Microsoft hat sich dafür im November 2025 mit einem 30-Milliarden-Dollar-Compute-Deal die Lieferfähigkeit eingekauft.

Abb. 1: Plan-to-Action-Architektur – Claude reasoniert, Work IQ kontextualisiert, M365 führt aus.

 

Der Ablauf läuft in vier Phasen. Zuerst die Planungsphase: Cowork zerlegt das Outcome in Zwischenschritte, macht die transparent und lässt dich gegebenenfalls schon hier eingreifen. Dann die Reasoning-Phase, in der Claude entscheidet, welche Quellen relevant sind und welche Tools er aufruft. Es folgt die Aktionsphase, die tatsächlich in deinem Tenant Dinge tut: Mails in Drafts schreiben, Kalendereinträge vorschlagen, Excel-Tabs befüllen, Folien stylen. Und schließlich die Checkpoint-Phase, in der dir der Agent zeigt, was er getan und was er noch nicht ausgeführt hat – alles mit Veto-Recht. Sensible Aktionen wie das Versenden externer Mails stoppt Cowork von sich aus und fragt explizit nach.

Die Modellfrage entscheidest du nicht jeden Tag neu. Sonnet 4.6 ist der Workhorse für Tagesgeschäft – Recherche, Mailentwürfe, Kalenderplanung. Opus 4.6 ist die Premium-Variante für längere Strategiememos, Wettbewerbsanalysen, knifflige Excel-Modellierung. Für die meisten Anwender reicht Sonnet, und wer Opus ohne Bedacht einsetzt, brennt unnötig Budget und Latenz.

Praxisbeispiel: Q2-Review-Vorbereitung in 47 Minuten

Ein Vertriebsleiter aus dem Maschinenbau hat seinem Cowork das Outcome „Montag will ich mit der Region Nord ein 60-Minuten-Q2-Review fahren, ich brauche alles“ gegeben. Cowork hat 47 Minuten im Hintergrund gearbeitet: SharePoint-Quartalsdaten gezogen, Pipelinedaten aus Dynamics gezapft, ein PowerPoint mit Trends gebaut, drei Risikoaccounts identifiziert, einen Briefing-Doc geschrieben und zwei Vorbereitungsslots im Kalender geblockt. Der Vertriebsleiter sagt: „Die Wochenend-Schicht ist weg. Dafür habe ich heute am Strand sitzen können statt Sonntagabend Excel zu malen.“

 

Die zweite Qualität neben der Multi-Step-Logik ist die Multi-App-Orchestrierung. Cowork ruft nicht eine API an, sondern hüpft zwischen Outlook, Excel, Word, Teams, SharePoint und OneDrive hin und her. Genau das war bisher Knochenarbeit für Power Automate oder Logic Apps. Jetzt erledigt das ein einziger Agent mit Sprachverständnis und Kontext. Die Dichte der ausgeführten Aktionen pro Anweisung ist daher ungleich größer, was die Diskussion um Lizenzkosten, Audit und Verantwortlichkeiten neu eröffnet.

Abb. 2: Timeline – vom Anthropic-Compute-Deal zum produktiven M365-Agenten in sechs Monaten.

 

Was sind Chancen? Was sind Risiken?

Die Chancen sind massiv und etwas weniger Hype als die letzten drei Generationen Copilot. Cowork ist das erste Tool im M365-Stack, das die Versprechen der „Agentic AI“-Folien aus den letzten zwei Jahren tatsächlich einlöst. Wer im Beratungsbusiness lebt, kennt das Rechercheproblem: fünf Tabs, drei Filings, ein Branchenreport, am Ende ein Memo. Cowork zieht das in einem Rutsch zusammen, Excel-Workbook und Memo inklusive. Wer Vertriebsteams unterstützt, gewinnt mit der automatischen Meeting-Vorbereitung mehrere Stunden pro Account-Manager und Woche zurück. Wer Steuerung macht, bekommt bessere Daten für Pipeline-Reviews, weil der Agent lästige Datenkonsolidierung als Hintergrundjob erledigt.

Auch für die IT selbst gibt es einen unspektakulären, aber realen Gewinn: Cowork übernimmt einen Teil der Aufgaben, die bisher in Power Automate, Logic Apps oder selbstgebauten Teams-Bots stecken. Das heißt weniger Custom-Code, weniger Wartung, weniger Glue-Logic. Und Claude ist in dieser Klasse von Aufgaben spürbar besser im Reasoning als die GPT-Generationen, die wir bisher gewohnt waren – das merkt jeder, der schon einmal einen Agenten mit Tool-Use durch eine Kette von acht Schritten geprügelt hat.

Achtung: Die SharePoint-Bombe tickt jetzt lauter

Cowork respektiert Berechtigungen. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Wenn dein Berechtigungsmodell in SharePoint historisch gewachsen, halb dokumentiert und mit „alle Mitarbeiter“-Sites bestreut ist, dann macht Cowork dich darauf jetzt schmerzhaft aufmerksam. Der Agent findet zuverlässig die Gehälter, die Vorstandsprotokolle und den Reorg-Plan, weil irgendjemand 2019 eine Site lieblos auf „Everyone except external“ gestellt hat. Was vorher unauffindbar im Site-Friedhof lag, liest jetzt der Agent dem CFO vor.

 

Damit zu den Risiken. Das prominenteste ist genau die SharePoint-Bombe oben. Cowork erschließt sich Inhalte anhand von Identität und Berechtigungen. Was theoretisch jeder finden dürfte, findet der Agent praktisch. Ein zweites Risiko betrifft die Datenresidenz und den Subprozessor: Anthropic ist ein eigenständiger Subprozessor, im EU/UK-Tenant ist er per Default abgeschaltet. Wer Cowork dort nutzen will, muss bewusst freigeben. Für Hochregulierte – Banken, Healthcare, öffentliche Hand – ist das eine echte Compliance-Entscheidung, die durch das Datenschutz-Team und idealerweise den Betriebsrat muss.

Ein drittes Risiko ist subtiler: Cowork senkt die kognitive Eintrittsschwelle für unsaubere Prozesse. Du kannst dem Agenten unscharfe Outcomes geben, und er liefert trotzdem etwas, das nach Ergebnis aussieht. Wenn du oder dein Team das Ergebnis nicht ausreichend prüft, bekommst du subtile Fehler, die unterhalb des Radars schwimmen. Cowork ist hervorragend bei Vorbereitung und Erstentwurf, aber er ersetzt nicht den fachlichen Review. Das musst du in deinen Prozessen verankern, sonst macht er aus Lügen Folien und aus Folien Strategie.

Und ja, wir hatten Anfang Januar 2026 die Sicherheitslücke im Anthropic-Desktop-Cowork. Microsoft hat daraus gelernt und die M365-Variante in eine Sandbox-Umgebung gepackt, die innerhalb der Compliance-Grenzen des Tenants läuft. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein ähnlicher Bug passiert, ist deutlich kleiner. Null ist sie nicht. Jeder neue Agent ist ein neuer Angriffsvektor.

Was müssen wir jetzt schon vorbereiten?

Der Reflex „erst mal Frontier anschalten und ausprobieren“ ist verständlich, aber falsch. Wer Cowork ohne Vorarbeit auf einen historisch gewachsenen Tenant lässt, bekommt entweder ein Compliance-Erlebnis oder ein Politik-Erlebnis. Beides willst du nicht. Daher ein konkreter 30-60-90-Plan.

In den ersten 30 Tagen geht es um Hausaufgaben in der Datenarchitektur. Sensitivity Labels müssen flächendeckend ausgerollt sein, idealerweise mit Auto-Labeling für die kritischsten Klassen. SharePoint Advanced Management einsetzen, um „Everyone except external“-Sites aufzuspüren und zu sanieren. Ein Audit der Top-50-Sites mit den meisten Files und der breitesten Berechtigungsverteilung ist ein realistisch machbares Projekt in vier Wochen. Parallel prüft das Datenschutz-Team die Subprozessor-Freigabe für Anthropic und dokumentiert das Ergebnis im Verarbeitungsverzeichnis.

Konkreter Sofort-Hebel: Restricted Search Sites

Microsoft hat schon vor einem Jahr Restricted SharePoint Search ausgerollt. Wenn du dich noch nie damit befasst hast, jetzt ist der Moment. Mit einer kuratierten Allowlist von 100–500 Sites stellst du sicher, dass Copilot und damit auch Cowork nur Inhalte aus geprüften Quellen ziehen. Ein einziger PowerShell-Befehl, spürbarer Risikoabbau. Permanent ist es nicht gedacht, aber als Sicherheitsnetz, während du die Berechtigungen aufräumst, hervorragend.

 

In den Tagen 31–60 schaltest du Frontier in einer Pilotgruppe von 20–50 Mitarbeitern an. Wähle bewusst drei Use Cases: Vertriebsvorbereitung, Marktrecherche, Personalverwaltung sind exzellente Test-Szenarien, weil sie verschiedene Apps und unterschiedliche Sensibilitäten berühren. Lass die Piloten ein einfaches Tagebuch führen: was war gut, was war falsch, wo hat der Agent halluziniert, wo hat er die richtige Stelle in einer 200-Seiten-PDF gefunden. Diese qualitativen Daten sind Gold, wenn du später Rollout-Entscheidungen verteidigen musst.

Parallel baust du die Governance-Klammer. Wer darf welchen Agent nutzen, wer kommt an Opus 4.6, wer bleibt auf Sonnet 4.6, welche Aktionsklassen brauchen welche Approval-Stufe. Das ist nicht trivial, weil Cowork Aktionen in deinem Namen ausführt. Eine Mail, die Cowork für dich schickt, kommt aus deinem Postfach. Jurist und Datenschutz wollen wissen, wie ihr das auditiert. Microsoft Purview liefert die Logs, ihr müsst sie nur lesen lernen.

In den Tagen 61–90 entscheidest du, wer breit ausgerollt bekommt und wer wartet. Die wichtigste Frage in dieser Phase ist nicht technisch, sondern menschlich: Welche Teams haben die mentale Reife, mit einem Agenten zu arbeiten, der eigenständig handelt? Vertriebsmenschen lieben das, sobald sie verstanden haben, dass der Agent ihnen den Sonntag rettet. Wissenschaftliche Mitarbeiter und Compliance-Profis brauchen länger, weil sie zu Recht skeptischer sind. Drauflos rollen ist die schlechteste Strategie. Plane dein Change-Management mit so viel Sorgfalt wie deine Berechtigungssanierung.

Und schließlich die Lizenzfrage. Cowork ist im bestehenden 30-USD-Copilot-Abo enthalten. Microsoft pusht aber das neue M365-E7-Bündel für 99 USD pro Nutzer und Monat, das am 1. Mai startet und Cowork als Centerpiece führt. Lass dich davon nicht erpressen. Prüfe nüchtern, welche der weiteren E7-Komponenten du wirklich brauchst, und kalkuliere den Aufpreis pro tatsächlich gewonnenem Nutzwert. Für 80 Prozent der Unternehmen reicht das vorhandene Copilot-Abo plus Cowork. Die anderen 20 Prozent können E7 dann mit klaren Argumenten rechtfertigen.

Drei Zahlen, die du beim nächsten Steering brauchst

1) Cowork nutzt Claude Sonnet 4.6 als Default; Opus 4.6 nur für komplexe Deliverables. 2) Frontier-Programm ist Opt-in, EU/UK braucht aktiv die Subprozessor-Freigabe für Anthropic. 3) M365 E7 startet am 01.05.2026 zu 99 USD/User/Monat – aber Cowork ist im normalen 30-USD-Copilot-Abo ebenfalls enthalten. Lass dich nicht in den E7-Tarif schubsen, ohne den Mehrwert zu prüfen.

 

Unterm Strich: Cowork ist die erste M365-Funktion seit langem, die das Hype-Wort „Agent“ verdient. Sie verschiebt Arbeit aus dem Vordergrund in den Hintergrund, sie macht aus dem Mitarbeiter einen Reviewer und sie verlangt von dir als IT-Verantwortlichem, dass du dein Haus aufgeräumt hast, bevor du den Klempner durchs Wohnzimmer schickst. Die nächsten 90 Tage entscheiden, ob du Cowork als Produktivitätshebel oder als Compliance-Albtraum erlebst. Wähle bewusst.

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