Consulting Briefing: Thema des Tages
Klassisches SharePoint geht in Rente – Microsoft kappt alte Skripte und SeitenConsulting Briefing: Classic raus, Modern rein – Microsoft dreht an SharePoint Online die Schrauben an
Manchmal kündigt Microsoft Veränderungen an, die sich anfühlen wie ein freundlicher Hinweis. Und manchmal ist es eher ein „Wir räumen jetzt auf. Viel Spaß dabei.“ Genau so wirkt die aktuelle Stoßrichtung bei SharePoint Online: Altlasten aus der Classic-Welt bleiben nicht mehr aus Nostalgiegründen am Leben, sondern werden systematisch ausgebremst – vor allem dort, wo Classic die größten Sicherheits- und Wartungs-Kopfschmerzen verursacht: bei Classic Publishing und Custom Script.
Die nüchterne Übersetzung: Classic war lange der Kompatibilitätsmodus für „das Intranet von 2014, das irgendwie immer noch läuft“. Aber Classic blockiert Innovation, erhöht Risiken (Stichwort: JavaScript überall) und zwingt Microsoft, zwei Welten parallel zu pflegen. Das Ergebnis ist eine klare Modern-Ansage: Modern UI ist der Standard, Classic wird zur Ausnahme – und die Ausnahme wird teurer.
Was genau wird abgeschaltet oder eingeschränkt?
Hier lohnt Präzision, weil „Classic ist tot“ als Schlagzeile zwar dramatisch klingt, aber zu grob ist. Microsoft setzt konkret an drei Stellen an (mit echtem Kalenderdruck):
1) Custom Scripting wird bei Classic Publishing standardmäßig deaktiviert
Ab 15. September 2025 deaktiviert SharePoint Online Custom Scripting per Default auf klassischen Publishing-Site-Templates (DenyAddAndCustomizePages = true). Das betrifft insbesondere Publishing-Portal/Publishing-Sites.
Was das praktisch heißt (die kurze Liste der typischen Kollateralschäden):
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Script Editor Web Part / Content Editor Web Part: nicht mehr nutzbar, jedenfalls nicht mehr „einfach so“.
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User Custom Actions und allerlei „wir hängen mal eben ein Skript an die Seite“-Tricks verlieren ihre Bühne, weil das System genau diese unkontrollierten Einstiege stopfen will.
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Eigene Masterpages / Page Layouts / Design-Manager-Kosmos: ebenfalls betroffen – also genau die Dinge, wegen denen Classic Publishing oft wie ein liebevoll getuntes Oldtimer-Cabrio wirkt: schön, aber jeder Ölwechsel ist ein Projekt.
Wichtiges Detail: Microsoft sagt zugleich, dass das Deaktivieren von Custom Scripting die Ausführung bereits eingebauter Skripte nicht zwingend stoppt. Aber: Neu hinzufügen, sauber warten, erweitern oder reparieren wird deutlich schwerer – und einige „Editor“-Funktionen sind direkt weg. Das ist das klassische „läuft noch, aber anfassen verboten“.
2) Classic Publishing neu erstellen oder Publishing-Features aktivieren: wird blockiert
Ebenfalls ab 15. September 2025 gilt:
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Neue Classic Publishing Site Collections lassen sich nicht mehr erstellen (auch nicht per API).
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Publishing-Features in bestehenden Site Collections neu aktivieren: ebenfalls nicht mehr.
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Dazu kommen weitere klassische Templates (z. B. Enterprise Wiki, Search Center), die nicht mehr neu erstellt werden können.
Gleichzeitig stellt Microsoft klar: Bestehende classic publishing-enabled Site Collections sind in der Nutzung nicht „abgeschaltet“ – Subsites können zum Beispiel weiterhin erstellt werden. Das ist kein Hard-Cut „alles read-only“, sondern eher ein „keine neuen Classic-Bauprojekte, und am bestehenden Gebäude bitte keine neue Elektrik mehr ziehen“.
3) Der „Zeitpuffer bis März 2026“ ist real – aber sehr konkret
Microsoft bietet einen temporären Opt-out bis 15. März 2026 an, um die Custom-Scripting-Enforcement-Regel für Classic Publishing tenantweit zu verzögern (per PowerShell). Und jetzt kommt der Satz, der in jedes Intranet-Backlog gehört: Dieser Opt-out endet ab 15. März 2026.
Heißt: Wer sich heute (Januar 2026) gemütlich zurücklehnt, spielt „Überraschungsei“ mit dem Kalender. Drin ist selten Schokolade.
Und was ist mit InfoPath, Workflow 2010/2013 und anderen Klassikern?
Wenn Classic wackelt, wackeln oft die typischen Begleiter gleich mit:
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SharePoint 2013 Workflows: In SharePoint Online werden sie für bestehende Tenants zum 2. April 2026 entfernt. Das betrifft sehr viele „läuft seit Jahren“-Automationen aus SharePoint Designer.
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SharePoint Add-Ins: Ebenfalls mit finaler Kante 2. April 2026 (Retirement in Microsoft 365). Wenn im Intranet noch Add-ins stecken, ist das ein eigener Modernisierungsblock.
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InfoPath Forms Services: In SharePoint Online Entfernung nach dem 14. Juli 2026. Klassische Listenformular-Anpassungen auf InfoPath-Basis sind damit ein Auslaufmodell mit sehr konkretem Datum.
Du siehst das Muster: Es ist nicht ein einzelner Schalter, es ist eine ganze Reihe Domino-Steine. Classic ist dabei oft nur der Ort, an dem alle Domino-Steine gemeinsam wohnen.
Strategische Einordnung: „Friss oder Stirb“ – und warum das ausnahmsweise eine Chance ist
Ja, für Organisationen ohne Modern-Umstellung klingt das nach Zwang. Aber es ist auch die seltene Gelegenheit, Altlasten loszuwerden, die sonst noch fünf Jahre still Pflegekosten fressen.
Classic-Publishing-Intranets hängen häufig an:
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starkem Branding über Masterpages,
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Script-Editor-Sonderlogik („kleines JavaScript, große Wirkung“),
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alten Navigationskonzepten mit Subsites,
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Formularen/Workflows, die niemand mehr anfassen will, weil nur noch ein einziger Mensch weiß, wo der Quellcode liegt (und dieser Mensch ist immer im Urlaub).
Modern zwingt nicht nur zur Umstellung, sondern liefert auch eine ziemlich gute Ausrede: „Wir machen das jetzt neu, weil die Plattform es verlangt.“ Das ist politisch oft einfacher als „Wir wollten schon lange“.
Und ja: Ein altes Intranet-Branding kann heute häufig durch Modern-Themes, Communication Sites und – falls es passt – Viva Connections ersetzt werden. Weniger Magie im Hintergrund, mehr Standard, weniger nächtliche Feuerwehrübungen.
Auswirkungen in der Praxis
Architektur
Bei komplexen Classic Publishing Portalen gilt oft: Modernisierung ist nicht gleich Upgrade. Häufig ist der sauberste Weg:
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neue Modern-Architektur aufsetzen (Communication Sites + Hub Sites),
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Inhalte gezielt migrieren (Seiten neu bauen, Dokumente umziehen, Metadaten aufräumen),
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alte Publishing-Seiten als „Archiv“ auslaufen lassen.
Das ist unbequem, aber auch heilsam: Informationsarchitektur wird dabei meistens besser, nicht schlechter – wenn man es bewusst plant.
Governance
Modern bedeutet andere Spielregeln:
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Hub Sites statt Subsite-Labyrinthe,
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Navigation neu denken (global, hubbasiert, zielgruppenorientiert),
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Berechtigungen konsequenter gestalten,
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Komponenten standardisieren (Webparts statt „Script rein und hoffen“).
Das ist Change Management, nicht nur Technik. Wer das nur als Admin-Projekt fährt, bekommt garantiert das berühmte „Warum ist hier alles anders?!“-Echo.
Betrieb
Admins verlieren Classic-Werkzeuge (Design-Manager-Welt, Masterpage-Feintuning, diverse „Workarounds“), gewinnen aber:
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weniger fragile Speziallogik,
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weniger Sicherheitsdiskussionen um Custom Script,
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klarere Entwicklungswege: SPFx für Client-Erweiterungen, Power Platform für Prozesse und Formulare.
Und ganz wichtig: Microsoft betont selbst, dass Custom Script aus Sicherheitsgründen streng gehandhabt wird – unkontrolliertes Scripting ist nun mal der VIP-Eingang für Ärger.
Budget
Ja: Redesign und Migration kosten Geld (intern oder Dienstleister). Aber Classic hat „Hidden Cost“:
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Pflege von Sonderlösungen,
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Abhängigkeit von wenigen Spezialisten,
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höhere Störanfälligkeit,
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und irgendwann den teuren Notfallmodus („Wir müssen in 6 Wochen alles neu machen“).
Modernisierung ist oft nicht „teuer“, sondern „endlich ehrlich“.
Konkrete Empfehlungen: Der Modernization-Plan ohne Drama
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Inventar erstellen
Liste aller Classic-Sites, Publishing-Sites, Script-Editor-Einsätze, Add-ins, Workflows, InfoPath-Formulare. Für Workflows verweist Microsoft explizit auf ein Assessment/Scanner-Tool, das bei der Bestandsaufnahme hilft. -
Priorisieren nach Business-Schmerz
Welche Sites sind geschäftskritisch? Welche sind nur „historisch laut“? Welche hängen an Workflows/Formularen? -
Quick Wins sofort
Einfache Team- oder Projektsites: auf Modern bringen, Navigation vereinheitlichen, Standards etablieren. Das schafft Momentum. -
Publishing-Portale gezielt modernisieren
Für große Intranets: neues modernes Zielbild (Hub + Communication Sites), Inhalte rüberziehen, alte Layout-Logik ersetzen. Keine halben Sachen. -
Stichtage ernst nehmen
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Kommunikation nicht vergessen
Nutzer wollen nicht „Modern“, Nutzer wollen „Es funktioniert besser“. Also: Vorteile zeigen (mobil, schneller, optisch sauberer, weniger kaputt), kurze Schulungen, FAQ, Pilotgruppen. Dann wird aus „Friss oder Stirb“ ein „Okay, das ist ja tatsächlich besser“.
Unterm Strich: Microsoft zieht Classic nicht mit einem einzigen Axthieb aus dem System, aber die Luft wird deutlich dünner – und zwar genau dort, wo Classic am meisten Sonderlocken und Risiken produziert. Wer jetzt sauber inventarisiert und modernisiert, bekommt am Ende ein Intranet, das weniger nach Museumsführung und mehr nach 2026 aussieht. Und das ist, bei aller Aufregung, eine ziemlich gute Nachricht.