Seite wählen

Avaya zu Microsoft Teams migrieren

von

Wissen

Praxis-Artikel und Leitfäden rund um Teams-Telefonie – alle frei verfügbar. Anbindungswege, Direct Routing, Lizenzierung, Migration und Betrieb.

Beratung

Beratung, Projektbegleitung, Standortbestimmung deiner Telefonie. Anbindungsweg-Entscheidung, SBC und Direct Routing, Migrationskonzept, Sonderfälle von Fax bis Notruf.

Schulungen

Online-Workshops zu Teams-Telefonie: vom Entscheider-Überblick bis zum Direct-Routing-Deep-Dive – kompakt, hands-on, ohne MOC-Folienschlacht.

Table of Contents
2
3

Avaya zu Microsoft Teams migrieren

Der nüchterne Leitfaden für Avaya-Betreiber, die auf Teams Phone wechseln wollen

Avaya zu Microsoft Teams migrieren

Es gibt zwei Sorten von Telefonanlagen-Projekten. Bei der ersten ist etwas kaputt. Bei der zweiten ist nichts kaputt, aber jemand hat angefangen zu rechnen. Avaya-Projekte gehören fast ausnahmslos zur zweiten Sorte. Die Anlage läuft. Sie läuft sogar bemerkenswert stabil, in vielen Häusern seit über einem Jahrzehnt. Was nicht mehr läuft, ist die Selbstverständlichkeit, mit der man früher davon ausging, dass der Hersteller in fünf Jahren noch dieselbe Roadmap erzählt.

Avaya hat im Februar 2023 zum zweiten Mal innerhalb von sechs Jahren ein Chapter-11-Verfahren in den USA eröffnet und ist im Mai 2023 daraus hervorgegangen – mit einer um rund drei Viertel entschuldeten Bilanz und im Eigentum der früheren Gläubiger. Seither ist das Unternehmen nicht mehr börsennotiert. Das bedeutet zwei Dinge: Erstens ist Avaya finanziell in deutlich besserer Verfassung als 2022. Zweitens gibt es keine Quartalszahlen mehr, keine Pflichtveröffentlichungen, keine Analystenrunde, in der jemand unangenehme Fragen stellt. Für dich als Betreiber heißt das nicht „morgen geht das Licht aus“. Es heißt: Du planst mit weniger Information als früher. Und genau das mögen Entscheider nicht, wenn es um Infrastruktur geht, die zehn Jahre halten soll.

Parallel dazu hat Avaya seine Zukunft sehr klar auf das Thema Kundeninteraktion ausgerichtet. Die im April 2025 vorgestellte Infinity-Plattform ist ein Customer-Experience-Produkt – Orchestrierung, KI, Kanäle, Contact Center. Das ist eine legitime und durchaus schlüssige Strategie. Sie beantwortet nur nicht die Frage, die dich beschäftigt, wenn du dreihundert ganz normale Nebenstellen betreibst, von denen zweihundertachtzig einfach nur telefonieren wollen.

Dieser Beitrag gehört zu unserer Serie Teams-Telefonie. Dort findest du das große Bild: Anbindungsvarianten, Lizenzen, Betriebsmodelle, Alltagsbetrieb. Hier geht es konkret um den Weg von Avaya Aura oder IP Office nach Microsoft Teams Phone – inklusive der einen Abgrenzung, an der die meisten Projekte entweder sauber laufen oder teuer scheitern: Contact Center ist nicht Telefonie. Wenn du für die Entscheidung eine zweite Meinung willst, die dir nichts verkaufen muss: Teams-Telefonie-Beratung.

FAKTEN

Avaya hat am 14. Februar 2023 Chapter 11 beantragt, der Plan wurde am 22. März 2023 bestätigt, am 1. Mai 2023 ist das Unternehmen daraus hervorgegangen. Die Verschuldung sank um rund 75 Prozent. Eigentümer sind seither die früheren Gläubiger, das Unternehmen ist privat.

Microsoft bietet vier Wege ans öffentliche Telefonnetz: Calling Plan, Operator Connect, Teams Phone Mobile und Direct Routing. Sie schließen sich nicht aus – mehrere Wege parallel in einem Tenant sind ausdrücklich vorgesehen.

Gute Nachricht für Avaya-Häuser: Der Avaya Session Border Controller for Enterprise (ASBCE) steht auf der Microsoft-Liste der für Direct Routing zertifizierten SBC. Microsoft nennt dort Release 8.1.1 oder höher, für Media Bypass 8.1.2 oder höher, für ELIN 10.2.0.2 und für Local Media Optimization 10.1.2 oder höher. Du hast unter Umständen also bereits ein zertifiziertes Gerät im Rack – Version, Lizenzumfang und Wartungsstand aber bitte prüfen.

Ebenfalls gute Nachricht: In der Geräteliste des Teams SIP Gateway führt Microsoft die Avaya-J100-Serie auf – J129, J139, J159, J169, J179 und J189, mit SIP-Firmware. Deine H.323-Bestände sind damit ausdrücklich nicht gemeint.

 

1. Warum gerade jetzt so viele Avaya-Häuser rechnen

Fangen wir mit dem an, was in keinem Datenblatt steht: mit der Stimmung im Maschinenraum. In Avaya-Häusern ist die Telefonie über Jahre unsichtbar geworden. Das ist ein Kompliment an die Plattform und gleichzeitig das Kernproblem. Denn wenn eine Anlage jahrelang nicht auffällt, hat irgendwann niemand mehr eine Meinung dazu – bis die Frage von außen kommt.

1.1 Was 2023 passiert ist – und was nicht

Sortieren wir kurz die Fakten von den Flurgesprächen. Passiert ist eine Bilanzsanierung: Chapter 11 im Februar 2023, Planbestätigung im März, Abschluss im Mai. Das Ergebnis war eine Firma mit deutlich weniger Schulden und deutlich mehr Liquidität als vorher. Nicht passiert ist: eine Abschaltung von Produkten, ein Support-Stopp, ein Verlust deiner Rufnummern oder irgendeine Form von Betriebsgefahr. Wer dir etwas anderes erzählt, verkauft dir vermutlich gerade etwas.

Was sich aber real geändert hat, ist die Informationslage. Ein privat gehaltenes Unternehmen veröffentlicht keine Quartalszahlen und muss keine Prognosen erklären. Für eine Anlage mit einer geplanten Nutzungsdauer von acht bis zwölf Jahren ist das ein Faktor. Nicht der einzige, aber einer, der in Vorstandsvorlagen inzwischen auftaucht. Und wenn Telefonie einmal in einer Vorstandsvorlage steht, kommt sie da so schnell nicht wieder heraus.

Dazu kommt ein zweiter, viel handfesterer Punkt: die Produktstrategie. Avaya investiert erkennbar in Customer Experience. Die Infinity-Plattform vom April 2025 ist die Weiterentwicklung dieser Linie und richtet sich an Häuser, deren Geschäftsmodell an der Kundeninteraktion hängt. Wenn dein Contact Center dein Umsatzkanal ist, ist das eine ernstzunehmende Option. Wenn du dagegen eine Stadtverwaltung, ein Krankenhaus, eine Fertigung oder ein Mittelständler bist und hauptsächlich schlicht erreichbar sein möchtest, bist du in dieser Strategie nicht die Hauptzielgruppe. Das ist kein Vorwurf. Es ist eine Standortbestimmung.

1.2 Die Termine, die wirklich zählen

Emotionen sind schlechte Projektauslöser. Lebenszyklustermine sind gute. Avaya veröffentlicht End-of-Sale- und End-of-Manufacturer-Support-Ankündigungen über Service Support Notices auf dem Supportportal. Die folgende Tabelle zeigt die Marken, die in Projekten der letzten Monate immer wieder aufgetaucht sind. Sie ist eine Orientierung, keine Rechtsauskunft: Der genaue Termin hängt am Materialcode und an der konkreten Hardware-Vintage, nicht am Produktnamen. Prüfe deinen Bestand gegen die Originalmitteilungen.

Bestand

Lebenszyklus-Marke

Was das für dich heißt

Avaya Aura 8.x

Herstellersupport bereits ausgelaufen (für 8.1 im März 2023)

Du läufst ohne Sicherheitspatches. Das ist kein Migrationsprojekt mehr, das ist ein Risiko im Betrieb.

Avaya Aura 10.1 inklusive Communication Manager 10.1.x

Ende des Herstellersupports zum 1. Januar 2026

Der Termin ist durch. Entweder du bist auf 10.2 oder du hast ein Thema für die nächste Revision.

Avaya Aura 10.2 / 10.2.1

Aktueller Stand; Folgerelease 10.3 wurde für Ende 2026 in Aussicht gestellt

Zeit zum Planen, nicht zum Zurücklehnen. Ein Upgrade kostet Geld, das du auch in das Zielbild stecken könntest.

G430 / G450 Gateways, ältere Vintages

Herstellersupport endet für bestimmte Vintages zum 30. Juni 2026

Hier entscheidet die Seriennummer, nicht der Produktname. Vintage prüfen, bevor du budgetierst.

IP Office R11.0.x bis R11.1.2

Ende des Verkaufs zum 12. August 2024, letzter Service Pack für den R11-Zweig war 11.1.3.2

Ältere R11-Stände bekommen keine Sicherheits- und Kritikpatches mehr. Supportfähig sind die aktuellen Zweige.

Call Center Elite auf Aura 10.1

Mit der Plattform zum 1. Januar 2026 ausgelaufen

Dein Contact Center hängt am selben Termin wie die Telefonie – und ist trotzdem ein eigenes Projekt.

 

WARNUNG

Lebenszyklusdaten sind kein Marketing, aber sie sind auch kein Naturgesetz. Avaya kommuniziert sie über Service Support Notices, und einzelne Termine werden verschoben, verlängert oder nach Materialcode differenziert. Belastbar ist ausschließlich die Originalmitteilung zu deinem konkreten Bestand, gegebenenfalls in Verbindung mit deinem Wartungsvertrag.

Wenn dir jemand ohne Blick in deine Anlagenliste eine Frist nennt, ist das keine Beratung, sondern Vertrieb mit Kalender.

 

Der ehrliche Satz dazu lautet: Kein einziger dieser Termine zwingt dich, nach Teams zu migrieren. Sie zwingen dich nur, eine Entscheidung zu treffen. Die Alternativen heißen Upgrade innerhalb der Avaya-Welt, Wechsel zu einem anderen Anbieter oder Konsolidierung auf die Plattform, die in deinem Haus ohnehin schon läuft. Und weil Microsoft 365 in den allermeisten dieser Häuser bereits im Einsatz ist, landet die dritte Option erstaunlich oft in der engeren Wahl.

2. Bestandsaufnahme: Aura, IP Office und die Sonderfälle

Bevor irgendjemand über Zielbilder redet, brauchst du eine ehrliche Inventur. Nicht die aus dem Wartungsvertrag – die zählt Lizenzen. Sondern die aus der Realität, die zählt Anwendungsfälle. Erfahrungsgemäß sind das vier Ebenen, und sie haben völlig unterschiedliche Risikoprofile.

Vier-Ebenen-Übersicht Avaya-Inventur: Kern, Anschaltung, Endgeräte und Anwendungen mit Risikoprofilen

Skizze 1: Vier Ebenen eines gewachsenen Avaya-Bestands. Der Kern ist das kleinste Problem – die unteren beiden Ebenen bestimmen die Projektdauer.

2.1 Aura-Bestände: groß, gewachsen, gut dokumentiert im Kopf

Ein typischer Aura-Bestand besteht aus Communication Manager, Session Manager und System Manager, dazu eine Handvoll G430- oder G450-Gateways in den Standorten, häufig ein ASBCE am Amtsübergang, Aura Messaging für die Mailboxen und – je nach Haus – Call Center Elite obendrauf. Das ist eine Architektur, die für Mehrstandortbetrieb gebaut wurde und das auch beherrscht.

Der schwierige Teil ist selten die Technik, sondern die Konfigurationshistorie. In einem gewachsenen Aura hat über zehn Jahre jeder Sonderwunsch eine Spur hinterlassen: Vector Steps, die niemand mehr erklären kann. Coverage Paths, die irgendwohin führen. Hunt Groups, deren letztes Mitglied 2019 in Rente gegangen ist. Class-of-Restriction-Einträge, die eine Abteilung betreffen, die es seit zwei Umstrukturierungen nicht mehr gibt.

Und genau deshalb ist eine Migration nach Teams die günstigste Gelegenheit seit Jahren, diesen Wildwuchs loszuwerden. Du baust nicht das Alte nach. Du baust das Benötigte neu. Wer versucht, jede historische Sonderregel eins zu eins abzubilden, hat am Ende dieselbe Unübersichtlichkeit in einem neuen Portal – nur ohne den Kollegen, der sie noch erklären konnte.

TIPP

Nimm für jede Nebenstelle genau drei Angaben auf: Wer nutzt sie, wie kommen Anrufe an, und was passiert, wenn niemand abnimmt. Mehr brauchst du für neunzig Prozent der Anschlüsse nicht. Für die restlichen zehn Prozent brauchst du ein Gespräch, keine Tabelle.

Ein Anschluss, dessen Zweck niemand im Haus benennen kann, ist kein Migrationsfall. Er ist ein Abschaltkandidat. In der Praxis fallen so regelmäßig zehn bis zwanzig Prozent der Nebenstellen weg – und mit ihnen ein spürbarer Teil der Lizenzkosten im Zielbild.

 

2.2 IP Office: kleiner, aber nicht einfacher

IP-Office-Bestände sitzen typischerweise in kleineren Häusern oder in Filialen größerer Organisationen. Eine IP500 V2 im Technikraum, vielleicht eine Server Edition, Voicemail Pro für Mailboxen und Ansagen, ein SIP-Trunk, ein paar J100-Telefone, DECT für die Halle. Übersichtlich – bis man genauer hinsieht.

Die Tücke bei IP Office ist die Vermischung von Anlage und Anwendung. Voicemail Pro ist nicht nur Anrufbeantworter, sondern oft ein kleines Ansagen- und Weiterleitungssystem mit Auto Attendant, Zeitprofilen und gelegentlich einem Datenbankzugriff. Das steht in keiner Lizenzliste, sondern in einem Callflow, den vor sechs Jahren ein Systemhaus gebaut hat, das es heute vielleicht nicht mehr gibt. Diese Callflows sind der Grund, warum ein IP-Office-Projekt mit hundert Nebenstellen manchmal länger dauert als ein Aura-Projekt mit vierhundert.

Merkmal

Avaya Aura

IP Office

Typische Größe

einige hundert bis mehrere tausend Nebenstellen, mehrere Standorte

zehn bis einige hundert Nebenstellen, oft ein bis drei Standorte

Wo die Komplexität sitzt

Vector- und Routing-Historie, Elite, Mehrstandort-Wählplan

Voicemail-Pro-Callflows, Kurzwahlen, Tastenbelegungen

SBC im Haus

häufig ASBCE vorhanden, oft schon Teams-tauglich

meist keiner – der SBC ist im Zielbild eine Neuanschaffung

Endgeräteparks

gemischt: 9600 H.323 neben J100 SIP

meist homogener, oft J100 oder ältere 1400/1600

Contact-Center-Anteil

häufig echtes Elite mit Skills und Reporting

meist einfache Sammelanschlüsse, selten echtes Contact Center

Typische Projektdauer

sechs bis zwölf Monate, in Wellen

drei bis sechs Monate, oft in einem Rutsch

 

2.3 Endgeräte: was mitkommt und was in den Container geht

Hier wird es unangenehm konkret, denn Endgeräte sind das, was die Belegschaft tatsächlich sieht. Die Faustregel ist einfach und für manche schmerzhaft: H.323 hat keine Zukunft in Teams. Die klassischen 9600er-Bestände, die in vielen Häusern die Mehrheit stellen, lassen sich nicht in Teams weiterbetreiben. Punkt.

Für die J100-Serie sieht es besser aus. Microsoft listet J129, J139, J159, J169, J179 und J189 in der Gerätetabelle des Teams SIP Gateway. Voraussetzung ist SIP-Firmware in der von Microsoft genannten Version – wer die Geräte mit H.323-Firmware betreibt, muss sie erst umflashen. Und man sollte wissen, worauf man sich einlässt: Ein Telefon am SIP Gateway ist kein Teams-Telefon. Es kann telefonieren, halten, weiterleiten, Voicemail abrufen und sich anmelden. Es zeigt keine Teams-Oberfläche, keine Präsenz und keine Chatverläufe.

Was du im Bestand hast

Weiternutzung in Teams

Weg

Aufwand

Avaya J100 mit SIP-Firmware (J129 bis J189)

ja, gelistet für Teams SIP Gateway

Firmwarestand prüfen, Provisionierung umstellen, Onboarding im Teams Admin Center

mittel

Avaya J100 mit H.323-Firmware

erst nach Umstellung

auf SIP-Firmware umflashen, dann wie oben

mittel bis hoch

Avaya 9600er und ältere H.323-Serien

nein

Ersatzbeschaffung oder Verzicht auf das Tischtelefon

Budgetposten

DECT-Infrastruktur

je nach Hersteller

Ascom, Spectralink und Gigaset sind in der SIP-Gateway-Liste vertreten – eigene DECT-Bestände von Avaya sind es nicht

Einzelfallprüfung

Analoge Sonderanschlüsse (Tür, Aufzug, Fax, Halle)

nicht direkt

über ATA oder Media Gateway hinter dem SBC

hoch, weil viele Einzelfälle

Vermittlungsplatz

nicht eins zu eins

Teams-Client mit Zusatzanwendung, oder eigenes Produkt

Fachentscheidung

Konferenzräume

ja, mit Gewinn

Teams Rooms – hier wird die Migration sogar zum Argument

eigenes Teilprojekt

 

WICHTIG

Die Sonderanschlüsse sind der eigentliche Projektrisikofaktor, und sie stehen nie vollständig in der Anlagenliste. Aufzugtelefone, Türsprechstellen, Faxgeräte in der Buchhaltung, Notrufmelder in der Tiefgarage, das Telefon neben der Werkzeugmaschine, die Alarmierungsschnittstelle der Brandmeldeanlage.

Diese Geräte haben etwas gemeinsam: Sie fallen niemandem auf, solange sie funktionieren. Und wenn sie nicht funktionieren, fällt es genau einmal auf – und dann richtig. Plane für jeden dieser Anschlüsse einen benannten Test mit einem benannten Menschen. Nicht „haben wir mitgetestet“, sondern „Kollege Meyer hat am 14. angerufen, es hat geklingelt, hier ist das Protokoll“.

 

3. Die Abgrenzung, die alles entscheidet: Telefonie oder Contact Center

Wenn du aus diesem Beitrag genau einen Gedanken mitnimmst, dann diesen. Die häufigste teure Fehlentscheidung in Avaya-Migrationen ist nicht die Wahl des falschen SBC oder des falschen Trunks. Sie ist die falsche Antwort auf die Frage: Was von dem, was heute auf der Avaya läuft, ist eigentlich Telefonie – und was ist Contact Center?

Das ist bei Avaya besonders relevant, weil die Plattform genau darin historisch stark ist. Call Center Elite hat Maßstäbe gesetzt. In vielen Häusern ist über die Jahre Contact-Center-Funktionalität in ganz normale Abteilungen gewandert, weil sie eben verfügbar war. Der Empfang bekam eine Warteschlange mit Ansage. Die Auftragsannahme bekam Skills. Die Technikhotline bekam ein Reporting. Niemand hat das je „Contact Center“ genannt. Es war einfach da.

Entscheidungsdiagramm: Teams Phone vs. Contact Center – Kriterien und Werkzeuge im Vergleich

Skizze 2: Die Entscheidungslinie. Links reicht Teams Phone, rechts brauchst du ein eigenes Produkt. In der Praxis läuft die Linie mitten durch die Organisation.

3.1 Was Teams Phone von Haus aus kann

Teams Phone bringt zwei Sprachanwendungen mit, die deutlich mehr abdecken, als viele erwarten: die automatische Telefonzentrale und die Anrufwarteschlange. Dazu kommt die Queues-App als Oberfläche für Teams, die in Warteschlangen arbeiten – mit Sicht auf wartende Anrufe, mit Möglichkeit zum An- und Abmelden und mit einfachen Auswertungen.

Für die überwiegende Mehrheit der Gruppen in einem normalen Unternehmen reicht das vollständig aus. Zentrale, Empfang, Personalabteilung, IT-Hotline mit fünf Leuten, Auftragsannahme im Handwerksbetrieb, Bürgerservice mit acht Plätzen: Das sind Warteschlangen, keine Contact Center. Wer hier ein Contact-Center-Produkt kauft, zahlt für Funktionen, die niemand bedient, und für ein zweites System, das jemand administrieren muss.

3.2 Wann es ein echtes Contact-Center-Produkt sein muss

Die Grenze ist erstaunlich scharf, wenn man die richtigen Fragen stellt. Sobald eines der folgenden Merkmale gefordert ist – wirklich gefordert, nicht „wäre-schön“ –, verlässt du den Funktionsumfang von Teams Phone:

Anforderung

Teams Phone

Contact-Center-Produkt

Verteilung reihum, gleichzeitig, nach längster Ruhezeit

vorhanden

vorhanden

Ansagemenü mit ein bis zwei Ebenen

vorhanden

vorhanden

Verteilung nach Qualifikation oder Sprache (Skills)

nicht vorgesehen

Kernfunktion

Vorrangbehandlung einzelner Anrufer

nicht vorgesehen

Kernfunktion

Rückruf aus der Warteschlange statt Warten

nicht vorgesehen

Standardfunktion

Nachbearbeitungszeit und Nachbearbeitungscodes

nicht vorgesehen

Standardfunktion

Wandboard mit Echtzeitkennzahlen

nur einfache Auswertungen

Standardfunktion

Gesprächsmitschnitt mit Aufbewahrungs- und Löschregeln

über Zusatzprodukte

eingebaut

Personaleinsatzplanung und Prognose

nicht vorgesehen

Modul oder Zusatz

Mail, Chat, Messenger im selben Arbeitsvorrat

nicht vorgesehen

Kernfunktion

Datenübergabe an CRM oder Fachverfahren beim Anruf

eingeschränkt

Kernfunktion

 

FAKTEN

Microsoft zertifiziert Contact-Center-Produkte für Teams in drei Modellen. Connect nutzt Direct Routing über einen zertifizierten SBC: Das Contact Center nimmt den Anruf am Amt an, routet in der eigenen Plattform und stellt ihn dann als Teams-Anruf zu.

Extend arbeitet über die Cloud-Communications-Schnittstellen von Microsoft Graph. Steuerung und Vermittlung laufen per Programmierschnittstelle, nicht über einen eigenen Trunk.

Unify – bis 2025 unter dem Namen Power geführt – ist das jüngste Modell und seit 1. September 2025 allgemein verfügbar. Es baut auf Teams Phone Extensibility auf und erlaubt Anbietern, ihre Anwendung direkt auf der Teams-Sprachinfrastruktur zu betreiben. Anrufe kommen dann über deinen bestehenden Teams-Anschluss herein, nicht über einen zweiten Amtsweg.

Die Liste zertifizierter Anbieter ändert sich laufend. Prüfe sie zum Zeitpunkt deiner Ausschreibung, nicht ein Jahr vorher.

 

3.3 Welches Integrationsmodell zu dir passt

Modell

Wie es technisch läuft

Passt, wenn

Worauf du achten musst

Connect

Contact Center hat eigenen Amtsanschluss, Zustellung an Teams über Direct Routing

das Contact Center eigenständig bleiben soll, auch bei Störungen im Tenant

zwei Amtswege, zwei Rufnummernwelten, doppelte Notrufbetrachtung

Extend

Steuerung über Microsoft-Graph-Schnittstellen, Teams bleibt der Sprachweg

du eine enge Verzahnung mit Teams willst und keinen zweiten Trunk

Funktionsumfang hängt an dem, was die Schnittstellen hergeben

Unify

Anwendung nutzt Teams Phone Extensibility und die Teams-Sprachinfrastruktur direkt

du eine einzige Sprachplattform für alles willst, inklusive Contact Center

jüngstes Modell, kleinerer Anbieterkreis, Referenzen einfordern

 

WARNUNG

Der teuerste Fehler in dieser Phase ist die Ausweitung. Es beginnt harmlos: Wenn wir schon ein Contact Center für den Kundenservice kaufen, nehmen wir die Zentrale gleich mit dazu. Und den Empfang. Und die IT-Hotline.

Am Ende hast du eine zweite Telefonanlage neben Teams, mit eigener Administration, eigenen Lizenzen, eigenem Supportvertrag und eigener Ausfallwahrscheinlichkeit – und genau die Zersplitterung, die du eigentlich loswerden wolltest. Zieh die Linie einmal sauber und verteidige sie.

 

4. Das Zielbild und der Weg ans Amt

Wenn die Abgrenzung steht, wird der Rest handwerklich. Die zentrale Frage lautet: Wie kommen Anrufe aus dem öffentlichen Telefonnetz in deinen Tenant und wieder hinaus? Microsoft bietet dafür mehrere Wege, und in einem Avaya-Haus gibt es einen Aspekt, der die Entscheidung erleichtert.

Zielarchitektur Teams Phone mit Direct Routing, Operator Connect und Calling Plan als Anbindungswege

Skizze 3: Das Zielbild. Teams Phone ist die Plattform, der SBC ist die Weiche – und lokal bleibt nur, was wirklich nicht wandern kann.

4.1 Direct Routing, Operator Connect oder Calling Plan

Weg

Eigener SBC nötig

Stärke

Schwäche

Direct Routing

ja, zertifiziert

volle Kontrolle über Routing, Normalisierung, Notruf und Sonderanschlüsse; Trunk frei wählbar; Analog- und DECT-Welt lässt sich sauber anbinden

du betreibst ein Stück Infrastruktur und brauchst dafür Wissen im Haus oder einen Partner

Operator Connect

nein

schnell eingerichtet, Carrier kommt aus dem Admin-Portal, wenig eigener Betrieb

weniger Spielraum bei Sonderfällen, Anbieterauswahl begrenzt auf das Programm

Teams Phone Mobile

nein

Mobilnummer wird zur Nebenstelle – interessant für Außendienst und Baustelle

hängt an teilnehmenden Mobilfunkanbietern

Calling Plan

nein

Minuten direkt von Microsoft, einfachste Variante

Verfügbarkeit und Zuschnitt je nach Land, wenig Gestaltungsspielraum

 

In der Praxis ist die Antwort selten exklusiv. Ein häufiges und gut funktionierendes Muster: Operator Connect für die Bürowelt an den großen Standorten, Direct Routing für alles, was Sonderbehandlung braucht – Analoggeräte, DECT, Alarmierung, Notrufwege mit besonderen Anforderungen, Koexistenz mit der Altanlage während der Migration. Beides in einem Tenant ist ausdrücklich vorgesehen.

4.2 Der SBC: du hast vielleicht schon einen

Hier kommt der Vorteil, den Avaya-Häuser gegenüber manchen anderen Beständen haben. Der Avaya Session Border Controller for Enterprise steht auf der Microsoft-Liste der für Direct Routing zertifizierten Geräte. Wer ohnehin einen ASBCE am Amtsübergang betreibt – und das sind in Aura-Häusern viele –, hat damit möglicherweise bereits die passende Hardware im Rack.

Möglicherweise. Denn die Zertifizierung gilt für bestimmte Softwarestände. Microsoft nennt Release 8.1.1 oder höher, für Media Bypass 8.1.2 oder höher, für ELIN 10.2.0.2 und für Local Media Optimization 10.1.2 oder höher. Bevor du auf dieser Grundlage planst, klär drei Dinge: Auf welchem Stand läuft dein Gerät wirklich, reicht die Lizenzierung für die zusätzlichen Sessions, und hast du einen Wartungsvertrag, der dir im Störungsfall auch hilft. Wenn eine dieser drei Fragen unangenehm wird, ist ein neuer SBC unter Umständen der günstigere Weg.

TIPP

Wir betreiben Teams-Telefonie im eigenen Haus über einen anynode-SBC von TE-SYSTEMS mit Direct Routing und easybell-Trunks. anynode steht ebenfalls auf der Microsoft-Liste der zertifizierten SBC, inklusive Media Bypass und Local Media Optimization.

Der Grund für diese Wahl ist unspektakulär und genau deshalb belastbar: Wir wollten verstehen, wie sich der Betrieb im Alltag anfühlt, bevor wir ihn jemandem empfehlen. Wie sich ein Firmware-Update anfühlt. Wie eine Störung um 17:40 Uhr an einem Freitag aussieht. Wie lange eine Rufnummernportierung wirklich dauert.

Für dich heißt das nicht, dass du anynode brauchst. Es heißt, dass wir dir die Frage „virtuell oder Hardware, eigener Betrieb oder als Dienst“ aus Erfahrung beantworten können und nicht aus einer Herstellerbroschüre.

 

4.3 Notruf, Standort und andere Dinge, die niemand testet

Notruf ist in Teams-Projekten der Punkt, an dem aus einem IT-Thema ein Haftungsthema wird. In der Avaya-Welt war die Sache übersichtlich: Das Telefon hing an einem Port, der Port hing an einem Gateway, das Gateway stand in einem Gebäude. Der Standort ergab sich aus der Verkabelung.

In Teams ergibt sich der Standort aus nichts, was du nicht selbst hinterlegst. Ein Client ist mobil, per Definition. Microsoft bietet dafür standortbasierte Zuordnung über Netzwerkinformationen, dynamische Notrufweiterleitung und – bei bestimmten SBC – ELIN-Verfahren. Das funktioniert alles, aber es funktioniert nicht von selbst. Es muss konfiguriert, gepflegt und getestet werden.

Netzwerkstandorte hinterlegen: Subnetze, WLAN-Kennungen und Switchports den Gebäuden und Etagen zuordnen. Das ist Fleißarbeit und der Grund, warum das Thema gerne nach hinten rutscht.

Verhalten außerhalb des Netzes klären: Was passiert, wenn jemand aus dem Homeoffice die Notrufnummer wählt? Es gibt eine Antwort darauf, und sie sollte dokumentiert und den Leuten bekannt sein.

Sonderanschlüsse einbeziehen: Das Aufzugtelefon ist ein Notrufgerät. Es gehört in den Notrufplan, nicht in die Restposten.

Testen mit Protokoll: Ein Notruftest je Gebäude, mit Datum, Uhrzeit und Namen. Nicht weil es Spaß macht, sondern weil dich irgendwann jemand fragen wird.

WARNUNG

Microsoft unterstützt Direct Routing ausdrücklich nur mit zertifizierten SBC und behält sich vor, Supportfälle mit nicht zertifizierten Geräten abzulehnen. Zusätzlich gilt: Bei Störungen im Zusammenspiel mit dem SBC musst du zuerst den SBC-Hersteller einschalten. Für eine Eskalation zu Microsoft verlangt Microsoft einen Untersuchungsbericht des Herstellers mit Ticketnummer.

Übersetzt: Wenn dein SBC aus der Bastelkiste kommt, bist du im Störungsfall allein. Das merkt man nicht am Tag der Inbetriebnahme, sondern in der ersten wirklich unangenehmen Nacht.

 

5. Der Weg dorthin: Fahrplan, Koexistenz, Abschaltung

Migrationen von großen TK-Anlagen scheitern selten an der Technik. Sie scheitern an Terminen, an Zuständigkeiten und daran, dass jemand die Abschaltung immer wieder verschiebt, weil ja alles läuft. Der folgende Fahrplan ist kein Gesetz, aber er beschreibt die Reihenfolge, die sich in Projekten bewährt hat.

Migrationsfahrplan mit sechs Phasen von Inventur bis Abschaltung über neun Monate plus Contact-Center-Strang

Skizze 4: Sechs Phasen für ein Haus mit einigen hundert Nebenstellen. Das Contact Center läuft zeitversetzt als eigener Strang.

5.1 Pilot: klein, echt und mit den richtigen Leuten

Ein Pilot ist kein Labor. Ein Pilot ist eine echte Abteilung mit echten Rufnummern und echten Anrufern, die sich beschweren, wenn etwas nicht funktioniert. Nimm eine Gruppe, die telefonisch belastet ist, aber nicht geschäftskritisch – die IT selbst ist erfahrungsgemäß zu nachsichtig, die Zentrale zu exponiert. Gut geeignet sind Abteilungen wie Einkauf, Personal oder Projektbüro.

Was du im Pilot beantwortet haben willst, bevor die erste Welle rollt: Klingt die Sprachqualität am Standort gut? Funktioniert die Übergabe mit Rückfrage so, wie die Leute es gewohnt sind? Kommt die Rufnummernanzeige nach außen richtig an? Wie reagiert die Belegschaft auf das Headset statt des Hörers? Und, unterschätzt: Wer meldet eine Störung, an wen, und wie schnell kommt eine Antwort?

5.2 Koexistenz: die Phase, in der beide Welten klingeln

Außer in sehr kleinen Häusern migrierst du nicht an einem Wochenende. Du migrierst in Wellen – nach Standort, nach Abteilung, nach Gerätetyp. Und in dieser Zeit existieren zwei Telefonanlagen parallel, die miteinander reden müssen. Technisch ist das unspektakulär: ein SIP-Verbund zwischen Altanlage und Teams, meist über denselben SBC, der auch das Amt bedient. Organisatorisch ist es der Teil, in dem Projekte einschlafen.

Koexistenz-Architektur: Avaya und Teams Phone verbunden über Session Border Controller mit SIP-Verbund

Skizze 5: Koexistenz über SIP. Technisch überschaubar – die fünf Regeln darunter entscheiden, ob es eine Phase bleibt oder ein Dauerzustand wird.

Die wichtigste dieser Regeln ist die letzte: ein Enddatum mit einem Namen dahinter. Ohne Enddatum wird aus der Übergangsphase ein Betriebsmodell. Wir haben Häuser gesehen, in denen die „vorübergehende“ Koexistenz das dritte Jahr erreichte, weil sechs Nebenstellen und ein Faxgerät nie umgezogen sind. Die Kosten dafür trägt niemand bewusst – sie stehen als Wartungsvertrag im Budget und fallen erst auf, wenn jemand fragt, wofür eigentlich.

5.3 Die Zeitfresser, die in keinem Angebot stehen

Thema

Typischer Fehler

Was hilft

Rufnummernportierung

Termin wird als Formalie behandelt und zu spät beantragt

Portierung als erstes echtes Datum in den Plan, mit Puffer; Rückfallweg vorher schriftlich klären

Kündigungsfristen

Altvertrag wird gekündigt, bevor das Zielbild trägt

erst abschalten, dann kündigen – in dieser Reihenfolge, ohne Ausnahme

Analoge Sonderfälle

Erfassung über die Anlagenliste statt über einen Rundgang

einmal durch jedes Gebäude gehen, mit Kollegen aus dem Facility Management

Voicemail-Pro-Callflows

werden erst entdeckt, wenn sie fehlen

Callflows früh exportieren und fachlich beschreiben lassen, nicht technisch

Contact-Center-Anteil

wird in die Telefonie-Migration hineingezogen

eigener Strang, eigenes Budget, eigener Termin

Netzwerk und QoS

wird als erledigt angenommen, weil Teams-Meetings ja laufen

Sprachqualität je Standort messen, WLAN-Ausleuchtung prüfen, Priorisierung setzen

Wissen im Haus

die eine Person, die Aura kann, geht in Rente oder kündigt

Wissenstransfer als Arbeitspaket führen, nicht als Nebenbei-Aufgabe

Akzeptanz

Schulung wird als Klickanleitung verteilt

kurze Einweisung je Gruppe, an echten Abläufen, vor dem Umstellungstag

 

5.4 Abschaltung: der Tag, den niemand feiert

Am Ende steht ein unspektakulärer Vorgang: Jemand zieht einen Stecker. Davor gehören aber ein paar Dinge erledigt, die gerne vergessen werden – weil sie erst nach dem eigentlichen Projekterfolg anstehen und deshalb niemandem mehr wichtig sind.

Verträge kündigen: Wartung, Support, Trunks, Standleitungen. Prüfe alle Fristen früh – manche Verträge verlängern sich still um zwölf Monate.

Lizenzen abmelden: Nicht abgemeldete Lizenzen tauchen im nächsten Jahresabgleich wieder auf. Regelmäßig als Rechnung.

Hardware entsorgen: Fachgerecht und mit Datenlöschung. In einer Anlage stecken Namen, Nummern und Mailboxen.

Dokumentation abschließen: Der Rufnummernplan im Zielbild ist das einzige Dokument, das danach noch jemand braucht. Er sollte gepflegt sein.

Notfallkonzept aktualisieren: Wenn im Notfallhandbuch noch die alte Anlage steht, ist das Handbuch falsch. Und Notfallhandbücher liest man ausgerechnet dann, wenn man keine Zeit zum Nachdenken hat.

Wenn du an dieser Stelle merkst, dass dein Bestand mehr Sonderfälle hat, als in einen Beitrag passen: Genau dafür gibt es die Teams-Telefonie-Beratung. Eine strukturierte Bestandsaufnahme und ein belastbares Zielbild sind in ein bis zwei Terminen zu haben – und deutlich billiger als eine Migration, die zweimal stattfindet.

Häufige Fragen

Muss ich wegen der Avaya-Turbulenzen jetzt migrieren?

Nein. Deine Anlage funktioniert weiter, dein Wartungsvertrag gilt, deine Rufnummern gehören dir. Was du tun solltest, ist etwas anderes: einmal sauber ausrechnen, was der Verbleib in der Avaya-Welt über die nächsten fünf Jahre kostet – inklusive Upgrades, Hardware-Ersatz, Wartung und Wissenssicherung – und das gegen das Zielbild stellen. Wenn danach Avaya vorne liegt, ist das ein gutes Ergebnis. Entscheidungen aus Panik sind teurer als Entscheidungen aus Rechnungen.

Kann ich meine Avaya-Telefone weiterbenutzen?

Teilweise. Microsoft listet die J100-Serie – J129, J139, J159, J169, J179, J189 – in der Gerätetabelle des Teams SIP Gateway, mit SIP-Firmware in der dort genannten Version. H.323-Geräte, also insbesondere die verbreiteten 9600er, lassen sich nicht in Teams weiterbetreiben. Und auch bei den J100 gilt: Am SIP Gateway hast du ein solides Telefon, aber kein Teams-Erlebnis. Für die Werkhalle, den Lagerplatz oder das Zweitgerät im Besprechungsraum ist das genau richtig. Für die Sachbearbeitung willst du eher den Teams-Client mit einem Headset.

Was passiert mit meinem Call Center Elite?

Das wandert nicht nach Teams Phone, weil es dort kein Gegenstück gibt. Du hast drei Wege: in der Avaya-Welt bleiben und das Contact Center dort weiterentwickeln, ein für Teams zertifiziertes Contact-Center-Produkt eines anderen Anbieters einführen, oder – falls die Anforderungen bei genauem Hinsehen doch kleiner sind als gedacht – auf Anrufwarteschlangen und die Queues-App umstellen. Die dritte Variante kommt häufiger vor, als man denkt: Nicht jede Gruppe, die auf Elite läuft, braucht auch Elite. Prüf das ehrlich, bevor du ein Lastenheft schreibst.

Kann ich meinen vorhandenen Avaya-SBC für Teams nutzen?

Grundsätzlich ja – der ASBCE steht auf der Microsoft-Liste der für Direct Routing zertifizierten SBC. Praktisch hängt es an drei Dingen: am Softwarestand (Microsoft nennt Release 8.1.1 oder höher, für Media Bypass 8.1.2 oder höher), an der Lizenzierung für die zusätzlichen Sessions und an einem funktionierenden Wartungsvertrag. Wenn die Kiste seit vier Jahren nicht angefasst wurde, rechne die Ertüchtigung sauber durch und vergleiche sie mit einem neuen SBC. Manchmal gewinnt das Bestandsgerät, manchmal nicht.

Wie lange dauert so eine Migration realistisch?

Für ein Haus mit einigen hundert Nebenstellen, einem oder zwei Standorten und einer überschaubaren Zahl an Sonderfällen: sechs bis neun Monate von der Inventur bis zur Abschaltung. Bei IP Office mit unter hundert Nebenstellen geht es oft in drei bis sechs Monaten. Die Spanne wird fast nie von der Technik bestimmt, sondern von Portierungsterminen, Kündigungsfristen und der Frage, wie schnell in deinem Haus Entscheidungen fallen.

Was kostet das?

Seriös lässt sich das ohne Blick auf deinen Bestand nicht beziffern, und jede Zahl in einem Beitrag wie diesem wäre geraten. Die Kostenblöcke sind aber immer dieselben: Lizenzen für Teams Phone und den gewählten Amtsweg, gegebenenfalls ein SBC, Endgeräte für alles, was nicht mitkommt, Projektaufwand für Planung und Umsetzung, Aufwand für Sonderanschlüsse und – falls nötig – ein Contact-Center-Produkt als eigener Posten. Der ehrlichste Vergleich ist nicht Kaufpreis gegen Kaufpreis, sondern fünf Jahre Betrieb gegen fünf Jahre Betrieb.

Funktioniert die Fax- und Türsprechstelle danach noch?

Ja, aber nicht von allein. Analoge Geräte hängen im Zielbild an einem Analog-Adapter oder einem Media Gateway hinter dem SBC. Beim Fax lohnt zusätzlich die Frage, ob es überhaupt noch gebraucht wird – in vielen Häusern läuft über das Faxgerät seit Jahren nichts außer Werbung. Wo Fax fachlich vorgeschrieben ist, kommen Fax-über-IP-Dienste in Frage; das ist eine eigene Prüfung wert, weil Faxprotokolle über IP empfindlich sind.

Wir haben mehrere Standorte mit unterschiedlichen Anlagen. Was zuerst?

Fang mit dem Standort an, der am wenigsten Sonderfälle und am meisten Rückmeldung liefert. Nicht mit dem größten und nicht mit dem kompliziertesten. Du willst nach der ersten Welle ein funktionierendes Muster haben, das du wiederholen kannst – inklusive Checklisten, Rollenverteilung und Kommunikation an die Belegschaft. Wer mit dem schwierigsten Standort beginnt, hat nach der ersten Welle vor allem eines: schlechte Laune im Projektteam.

Verlieren wir Funktionen, die die Leute täglich nutzen?

Einige, ja – und es hilft, das offen zu sagen statt es wegzumoderieren. Chef- und Sekretariatsfunktionen, Tastenerweiterungen mit Besetztlampenfeld, bestimmte Sammelrufe und liebgewonnene Sondertasten haben in Teams entweder ein anderes Gesicht oder gar keins. Gleichzeitig kommt einiges dazu, das vorher nicht ging: Anrufe vom Handy mit der Bürorufnummer, Voicemail als lesbarer Text, ein Anruf, der ohne Bruch zur Videobesprechung wird. Nimm die drei bis fünf Funktionen, an denen die Leute wirklich hängen, früh auf und kläre sie einzeln. Der Rest regelt sich in der ersten Woche.

Fazit

Die wirtschaftlichen Turbulenzen bei Avaya sind ein Anlass, keine Ursache. Sie haben in vielen Häusern eine Frage aufgeworfen, die ohnehin anstand: Auf welcher Plattform soll die Telefonie in den nächsten zehn Jahren laufen? Wer diese Frage nüchtern beantwortet, kommt bei Microsoft 365 auffällig oft in die engere Wahl – nicht weil Teams Phone die schöneren Funktionen hätte, sondern weil die Plattform ohnehin da ist, weil ein System weniger zu betreiben ist und weil der Fahrplan öffentlich nachlesbar bleibt.

Technisch ist der Weg gut ausgetreten. Direct Routing über einen zertifizierten SBC ist Standard, und mit dem ASBCE hast du möglicherweise schon eines im Rack. Operator Connect nimmt dir Betrieb ab. Die J100-Telefone kannst du über das SIP Gateway weiterlaufen lassen. Für Analog und DECT gibt es saubere Wege. Nichts davon ist Pionierarbeit.

Der Erfolg entscheidet sich woanders: an der sauberen Abgrenzung zwischen Telefonie und Contact Center, an der vollständigen Erfassung der Sonderanschlüsse und an der Disziplin, die Koexistenzphase wirklich zu beenden. Wer diese drei Punkte im Griff hat, migriert ein Haus mit einigen hundert Nebenstellen in sechs bis neun Monaten ohne dramatische Momente. Wer sie nicht im Griff hat, betreibt am Ende zwei Telefonanlagen und zahlt für beide.

Und der Tag der Abschaltung ist übrigens völlig unspektakulär. Jemand zieht einen Stecker, im Technikraum wird es ein bisschen leiser, und niemand ruft an, um sich zu beschweren. Das ist, ehrlich gesagt, das beste Zeugnis, das ein Migrationsprojekt bekommen kann.

Weiterlesen in dieser Serie: Unify OpenScape zu Microsoft Teams migrieren und Alcatel-Lucent OmniPCX zu Microsoft Teams migrieren. Das große Bild mit Anbindungsvarianten, Lizenzen und Betriebsmodellen steht auf der Pillar-Seite Teams-Telefonie. Und wenn du für die Entscheidung jemanden brauchst, der deinen Bestand ansieht statt eine Folienvorlage: Teams-Telefonie-Beratung.

Quellen

Alle Angaben mit Stand 2. September 2026. Lebenszyklusdaten, Gerätelisten und Zertifizierungen ändern sich laufend – prüfe sie vor einer Entscheidung an der Originalquelle.

Microsoft Learn: Für Direct Routing zertifizierte Session Border Controller — https://learn.microsoft.com/de-de/microsoftteams/direct-routing-border-controllers

Microsoft Learn: SIP Gateway planen (Geräteliste inklusive Avaya J100) — https://learn.microsoft.com/de-de/microsoftteams/devices/sip-gateway-plan

Microsoft Learn: Übersicht der Sprachanwendungen – automatische Telefonzentrale und Anrufwarteschlange — https://learn.microsoft.com/de-de/microsoftteams/plan-auto-attendant-call-queue

Microsoft Learn: Queues-App für Microsoft Teams verwalten — https://learn.microsoft.com/de-de/microsoftteams/manage-queues-app

Microsoft Learn: PSTN-Anbindungsoptionen für Teams — https://learn.microsoft.com/de-de/microsoftteams/pstn-connectivity

Microsoft Tech Community: Teams Phone Extensibility für Dynamics 365 Contact Center und zertifizierte ISV-Lösungen — https://techcommunity.microsoft.com/blog/microsoftteamsblog/teams-phone-extensibility-for-dynamics-365-contact-center-and-certified-isv-solu/4392046

Avaya Newsroom: Abschluss der Finanzrestrukturierung, Bestätigung des Reorganisationsplans (März 2023) — https://www.avaya.com/en/newsroom/2023/pr-us-230322/

Avaya Newsroom: Ankündigung der Avaya Infinity Plattform (April 2025) — https://www.avaya.com/en/newsroom/2025/pr-us-250422/

Avaya Support: Produktlebenszyklus-Richtlinie — https://support.avaya.com/css/public/documents/100081098

Avaya Support: End of Sale und End of Manufacturer Support – Übersicht — https://support.avaya.com/support/en/products/P0527/end-of-sale-andor-end-of-manufacturer-support

Avaya Documentation: Avaya SBCE und Microsoft Teams — https://documentation.avaya.com/bundle/WorkingWithAvayaSBCEandMicrosoftTeams_r81x/page/About_Avaya_SBCE_and_MS_Teams.html

TE-SYSTEMS: anynode und Microsoft Teams — https://www.anynode.de/anynode-and-microsoft-teams/

Dieses Consulting-Dokument steht als PDF zum Download bereit: https://www.boddenberg.de/ArtikelPdf/deine-avaya-laeuft.pdf — © Ulrich B. Boddenberg · boddenberg.de