Power Apps: Neue Canvas-Controls für mobile Apps
Was sich an 16 Controls ändert – und wo bestehende Formeln brechen|
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Power Apps: Neue Canvas-Controls für mobile Apps
Consulting Briefing · 12.08.2026 · boddenberg.de
Executive Summary
Microsoft hat die modernen Canvas-Controls in Power Apps im Februar 2026 gründlich überholt – und zwar nicht als Kosmetik, sondern als handfeste Renovierung mit Staub, Lärm und ein paar eingerissenen Wänden. Sechzehn Controls haben neue Versionen bekommen: umbenannte Eigenschaften, typisierte Enum-Werte statt frei getippter Zeichenketten, getrennte Eckenradien, neue Rahmenstile – und, das ist der eigentliche Hammer, ein deutlich verändertes Auslöseverhalten beim OnChange-Ereignis. Dazu kommen automatische mobiltaugliche Standardwerte: Wer ein Control auf ein mobiles Layout zieht, bekommt größere Touch-Ziele und größere Schriften geschenkt, ohne dafür eine einzige Formel zu tippen.
Der zweite Strang ist die mobile Datenseite. Die Release Wave 1 2026 läuft von April bis September und bringt Offline-Profile per FetchXML-Editor, Push-Benachrichtigungen in gebrandeten Apps und – im August als Vorschau, im September allgemein verfügbar – einen Online-Modus für Offline-First-Apps. Damit greift eine Außendienst-App bei vorhandenem Netz direkt auf Dataverse zu, statt auf den nächsten Synchronisationslauf zu warten.
Die unangenehme Nachricht zuerst: Das ist kein Update, das im Hintergrund passiert und dich in Ruhe lässt. Umbenannte Eigenschaften und gestrichene Werte heißen im Klartext, dass bestehende Formeln brechen können. Die gute Nachricht: Du entscheidest pro Control, wann du umstellst. Das ist Kontrolle – und gleichzeitig die Einladung, es endlos zu verschleppen, bis es niemand mehr freiwillig anfasst.
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Fakt in einem Satz Ab Februar 2026 zeigt Power Apps Studio dir am Control selbst einen Hinweis, dass eine neuere Version bereitsteht – mit einem Link zur Anleitung und einem Aktualisieren-Knopf. Der Knopf erscheint nicht überall gleichzeitig, also nicht wundern, wenn er bei einem Control fehlt und beim nächsten da ist. |
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Worum geht es im Detail?
Fangen wir bei der Vorgeschichte an, sonst wirkt das Ganze wie Willkür. Die modernen Controls basieren auf dem Fluent-2-Designsystem von Microsoft. Sie waren von Anfang an als Nachfolger der klassischen Controls gedacht: bessere Barrierefreiheit, bessere Leistung, ein zentrales Theming statt vierhundert einzeln eingefärbter Schaltflächen. Nur waren sie in den ersten Jahren, sagen wir es freundlich, ein Früheinsteiger-Vergnügen. Jedes Control hatte seine eigenen Eigenschaftsnamen, das Kombinationsfeld ging bei größeren Datenmengen in die Knie, die Datumsauswahl hatte ein sehr entspanntes Verhältnis zu Zeitzonen, und das OnChange-Ereignis feuerte je nach Control unterschiedlich, gelegentlich auch gar nicht.
Genau diese Baustellen räumt Microsoft jetzt ab. Neue Versionen gibt es für Text, Texteingabe, Zahleneingabe, Datumsauswahl, Kombinationsfeld, Dropdown, Registerkarten, Optionsfeld, Link, Info-Schaltfläche, Schaltfläche, Symbol, Schieberegler, Umschalter, Kontrollkästchen und das moderne Formular. Der Rest des Baukastens – Avatar, Badge, Fortschrittsbalken, Spinner, Datenraster, Kopfzeile – bleibt, wie er ist. Karte, Tabelle, Stream und die Copilot-Antwort sind weiterhin als Vorschau markiert, ebenso das Dropdown. Wer die in ein Produktivsystem schiebt, weiß hoffentlich, warum er das tut.
Die Umbenennungen folgen einer simplen Logik: Konsistenz. FontColor heißt jetzt überall Color, FontSize heißt Size, FontItalic wird Italic, FontUnderline wird Underline. Beim Text-Control wurde Weight zu FontWeight – und weil das noch nicht genug Veränderung war, hat sich gleichzeitig das Werteformat geändert. Aus dem frei getippten "Bold" wird FontWeight.Bold. Klingt nach Erbsenzählerei, ist aber der Unterschied zwischen einem Tippfehler, der still im Hintergrund nichts tut, und einem Fehler, den dir der Formeleditor sofort um die Ohren haut.

Abbildung 1: Was sich in den Formeln ändert – und warum das OnChange-Detail teurer ist als alle Umbenennungen zusammen.
Der Radius ist ein schönes Beispiel dafür, wie ein Detail Arbeit macht. Früher gab es eine Eigenschaft namens BorderRadius. Heute gibt es vier: RadiusTopLeft, RadiusTopRight, RadiusBottomLeft und RadiusBottomRight. Für Designer ist das ein Gewinn, weil sich endlich Karten mit nur oben abgerundeten Ecken bauen lassen. Für dich als Umsteiger heißt es: eine Zeile wird zu vier Zeilen, und zwar an jeder Stelle, an der du den Radius per Formel gesetzt hast.
Neu sind außerdem typisierte Wertelisten für Ausrichtung, Schriftstärke, Validierungszustand, Erscheinungsbild, Rahmenstil und Symbolstil. Zwei Fallstricke stecken darin. Erstens: Die Schriftstärke Medium existiert nicht mehr, sie wird beim Aktualisieren stillschweigend auf Normal abgebildet. Wenn dein Corporate Design auf halbfetten Zwischenüberschriften aufgebaut ist, sieht die App danach anders aus, ohne dass jemand eine Fehlermeldung sieht. Zweitens: Beim Validierungszustand gibt es nur None und Error. Ein grüner Haken für erfolgreich geprüfte Felder ist nicht vorgesehen – wer den will, baut ihn weiterhin selbst.
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Warnung: Das OnChange-Ereignis ist der teuerste Punkt der ganzen Liste Bei der Texteingabe feuerte OnChange bisher bei jedem Tastenanschlag. Jetzt feuert es erst, wenn der Anwender das Feld verlässt. Das ist ein gewaltiger Leistungsgewinn – und es zerlegt zuverlässig jede Live-Suche, die auf OnChange gebaut wurde. Wer weiterhin bei jedem Zeichen reagieren muss, referenziert stattdessen direkt die Ausgabeeigenschaft des Controls, also zum Beispiel TextInput1.Text. Beim Kombinationsfeld ist es genau umgekehrt: Dort feuert OnChange jetzt bei jeder einzelnen Auswahl und Abwahl. |
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Aus der Praxis: Bei einem Kunden lief eine Schadensmeldungs-App im Außendienst, in der die Freitextbeschreibung bei jedem Tastenanschlag einen Patch auf Dataverse abgesetzt hat. Gut gemeint, damit nichts verlorengeht. Ergebnis: eine dreizeilige Schadensbeschreibung erzeugte rund zweihundertfünfzig Schreibvorgänge, der Akku war mittags leer, und die Kollegen haben sich angewöhnt, den Text erst in einer Notiz-App zu schreiben und dann hineinzukopieren – was das Problem auf genau einen Schreibvorgang reduziert hat. Die Anwender hatten den Bug vor der IT gelöst. So etwas erfährt man übrigens nie im Statusbericht, sondern beim Kaffee auf dem Parkplatz.
Auch die Datenmengen wurden angefasst. Das Kombinationsfeld war früher bei etwa achthundert Datensätzen aus einer Datenquelle am Ende, und zwar ohne höflichen Hinweis. Die aktualisierte Version verkraftet mehrere tausend Einträge direkt, und für wirklich große Bestände gibt es die SearchText-Eigenschaft, mit der die Filterung auf den Server wandert. Zusätzlich funktionieren jetzt n:1-Beziehungen aus Dataverse korrekt, das Zusammenspiel mit SubmitForm und Reset ist verlässlich, und ein Klick auf einen bereits ausgewählten Eintrag hebt die Auswahl auf, statt gar nichts zu tun.
Die Datumsauswahl hat mehrere hartnäckige Ärgernisse verloren: Im Ansichtsmodus wird sie tatsächlich schreibgeschützt dargestellt, das eingestellte Format wird respektiert, Zeitzonen verhalten sich konsistent, Datumswerte überleben das Blättern durch einen Katalog, und der Kalender skaliert auf dem Telefon vernünftig. Der Link prüft neuerdings die Ziel-URL auf gefährliche Muster – ein stiller, aber wichtiger Sicherheitsgewinn, wenn Links aus Benutzereingaben zusammengebaut werden. Und das moderne Formular bekommt Bildschirmvorlagen, eine rote Pflichtfeld-Markierung und Anzeigenamen für Personenfelder, arbeitet aber weiterhin mit demselben Formularmodell und denselben Funktionen wie das klassische. Das ist die vielleicht wichtigste Zeile der ganzen Ankündigung, weil sie den Umstieg entdramatisiert.
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Tipp: Mobile Standardwerte gibt es geschenkt Ziehst du ein aktualisiertes Control auf ein Layout im mobilen Format, setzt Power Apps automatisch größere Breiten und Höhen, größere Schriften – typischerweise 24 Punkt – und passenden Innenabstand. Du musst dafür nichts konfigurieren. Das gilt allerdings nur für neu hinzugefügte Controls. Deine bestehende App mit den liebevoll auf zwölf Punkt geschrumpften Beschriftungen bleibt genau so hässlich, wie sie ist. |
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Bleibt die Datenseite, und die ist für mobile Szenarien mindestens so wichtig wie die Hübschheit der Bedienelemente. Seit März 2026 lassen sich Offline-Profile über einen FetchXML-Editor schneiden, seit Juli ist das allgemein verfügbar. Push-Benachrichtigungen funktionieren seit Mai in der Vorschau auch in eigens gebrandeten und neutral etikettierten Apps. Und der Online-Modus, ab August als Vorschau und ab September allgemein verfügbar, lässt eine Offline-First-App bei vorhandener Verbindung direkt auf Dataverse zugreifen. Der Schalter sitzt in den Einstellungen, steht ab Werk auf Aus, und der Anwender wechselt danach selbst über die Offline-Statusseite. Die App merkt sich die letzte Wahl – und fragt höflich nach, wenn sie im Online-Modus startet und kein Netz findet.

Abbildung 2: Offline-First mit Online-Umschalter – inklusive der Grenzwerte, die man besser vor dem Datenmodell kennt.
Was sind Chancen? Was sind Risiken?
Die Chance ist echt und lässt sich in Tagessätzen ausdrücken. Wer heute eine mobile Erfassungs-App baut, spart sich das gesamte Kapitel "Bedienelemente hübsch und fingertauglich machen". Fluent-2-Optik, sinnvolle Touch-Ziele, zentrales Theming und Barrierefreiheit kommen aus der Dose. In typischen Projekten geht ein überraschend großer Teil des Aufwands genau dafür drauf – nicht für Fachlogik, sondern für Pixel. Dieser Posten schrumpft spürbar.
Die zweite Chance ist Leistung. Ein Formular, das nicht mehr bei jedem Tastenanschlag eine Neuberechnungswelle durch die halbe App schickt, fühlt sich auf einem drei Jahre alten Android-Gerät im Lager spürbar anders an. Und ein Kombinationsfeld, das mehrere tausend Einträge trägt statt achthundert, beendet eine ganze Familie von Behelfskonstruktionen – du weißt schon, diese liebevoll gebauten Vorfilter-Bildschirme, die es nur gibt, weil das Control früher aufgegeben hat.
Die dritte Chance ist der Online-Modus. Bisher war Offline-First eine harte Entscheidung: Du hast die Daten lokal, aber eben in dem Zustand, in dem der letzte Synchronisationslauf sie hinterlassen hat. Für einen Techniker, der morgens seine Aufträge zieht und abends zurückmeldet, ist das perfekt. Für einen Disponenten, der wissen muss, ob ein Ersatzteil vor zehn Minuten reserviert wurde, ist es eine Fehlerquelle. Ab September darf dieselbe App beides.
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Risiko, das man gerne übersieht: Der Aktualisieren-Knopf ist Handarbeit Es gibt keinen Schalter, der eine ganze App in einem Rutsch auf die neuen Control-Versionen hebt. Du gehst pro Control durch, liest den Umstellungsleitfaden, reparierst die betroffenen Formeln, drückst Aktualisieren und testest. Bei einer App mit vier Bildschirmen ist das ein Nachmittag. Bei einer historisch gewachsenen App mit dreiundzwanzig Bildschirmen ist das ein Projekt – und genau deshalb wird es niemand freiwillig übernehmen, wenn du es nicht beauftragst. |
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Das größte inhaltliche Risiko sind stille Verhaltensänderungen. Ein Formelfehler ist harmlos, den siehst du sofort. Gefährlich ist, was ohne Warnung anders funktioniert: OnChange, das später feuert und deshalb einen Berechnungsschritt überspringt. Die Schriftstärke Medium, die klammheimlich auf Normal fällt. Das Kombinationsfeld, dessen Mehrfachauswahl in der neuen Version standardmäßig aktiv ist. Die Zahleneingabe, bei der die TriggerOutput-Eigenschaft ersatzlos verschwunden ist. Solche Dinge fallen niemandem beim Durchklicken auf – sie fallen drei Wochen später auf, wenn der Monatsabschluss nicht stimmt.
Auf der Datenseite lauert das zweite Risikofeld, und das ist unabhängig von den Controls. Offline funktioniert nur mit eigenständigen Canvas-Apps und nur mit Dataverse – eingebettete Apps, benutzerdefinierte Seiten und Canvas-Apps in Teams sind draußen, ebenso alle Nicht-Dataverse-Konnektoren und Power-Automate-Flüsse. Virtuelle und elastische Tabellen sind nicht dabei, n:m-Beziehungen ebenfalls nicht, Lookup-Filter gehen nur eine Ebene tief, selbstreferenzierende Verweise gar nicht. Die Obergrenze liegt bei drei Millionen synchronisierten Datensätzen einschließlich der versteckten Hilfstabellen, pro Tabelle sind höchstens fünfzehn Beziehungen erlaubt, und über alle Entitäten hinweg passen nur vierzehn Bildspalten in ein Profil.
Zwei Details daraus kosten in der Praxis am meisten Nerven. Erstens: Berechnete Spalten und Rollup-Felder werden auf dem Gerät nicht neu berechnet, das macht ausschließlich der Server beim Synchronisieren. Wer eine Preisberechnung in eine Formelspalte gelegt hat und sich wundert, warum der Monteur im Keller die alte Summe sieht, hat hier seine Antwort. Zweitens: Das automatisch erzeugte Offline-Profil kennt keine Filter und lädt schlicht alles herunter, was der Anwender sehen darf. Bei einer Kundentabelle mit sechshunderttausend Zeilen ist das kein Komfortmerkmal, sondern ein sehr langsamer erster Start und ein sehr voller Gerätespeicher. Und der Hintergrundabgleich läuft nur, solange Power Apps im Vordergrund ist und der Bildschirm nicht gesperrt – die Vorstellung, das Gerät synchronisiere über Nacht in der Jackentasche, ist frommes Wunschdenken.

Abbildung 3: Der Fahrplan 2026 – zwischen Vorschau und allgemeiner Verfügbarkeit liegt in der Regel genau ein Budgetzyklus.
Was müssen wir jetzt schon vorbereiten?
Schritt eins ist unspektakulär und wird deshalb gerne übersprungen: eine Inventur. Welche Canvas-Apps hast du überhaupt, welche davon nutzen moderne Controls, welche laufen wirklich mobil, und welche sind fachlich so kritisch, dass ein Ausfall am Montagmorgen einen Anruf auf Vorstandsebene auslöst? Diese Liste sortiert dir die Reihenfolge von selbst. Erfahrungsgemäß stellt sich dabei heraus, dass ein Drittel der Apps niemand mehr benutzt – das ist der billigste Migrationsaufwand, den es gibt.
Schritt zwei ist ein Formel-Audit. Suche systematisch nach den Eigenschaften, die umbenannt wurden: FontColor, FontSize, FontItalic, FontUnderline, FontStrikethrough, Weight, BorderRadius. Suche nach hart eingetippten Zeichenkettenwerten wie "Bold", "Start", "End", "Filled" oder "Outline". Und suche vor allem nach jedem OnChange, das an einer Texteingabe oder Zahleneingabe hängt. Diese Trefferliste ist deine tatsächliche Aufwandsschätzung – alles andere ist Kaffeesatz. Wer mit Power Platform CLI und Quellcodeverwaltung arbeitet, macht das mit einer Textsuche über die entpackten Dateien in zehn Minuten. Wer seine Apps nur als Binärpaket kennt, klickt sich das Wochenende über durch das Studio und lernt dabei etwas über Anwendungslebenszyklus-Verwaltung.
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Tipp: Erst die Reihenfolge, dann die Arbeit Nimm dir als Pilot bewusst nicht die wichtigste App, sondern die zweitwichtigste mit typischem Aufbau. Du willst den Umstellungsaufwand messen, nicht deinen Ruf riskieren. Miss die Zeit pro Bildschirm ehrlich mit der Stoppuhr und rechne hoch – das ist die einzige Zahl, die in der Budgetrunde niemand zerreden kann. |
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Schritt drei ist die Umgebungshygiene. Moderne Controls werden pro App aktiviert, unter Einstellungen im Bereich Aktualisierungen. Stelle sicher, dass du eine Testumgebung hast, in der du das gefahrlos durchspielen kannst, und dass deine Lösungen sauber zwischen Entwicklung, Test und Produktion wandern. Falls die Antwort auf die Frage "wie kommt die App eigentlich in die Produktion?" ein Achselzucken ist, hast du ein größeres Problem als die Umbenennung von FontSize.
Schritt vier betrifft das Design. Die Umstellung ist der beste Zeitpunkt, den es je geben wird, um Farben und Schriften aus den einzelnen Controls herauszuziehen und ins zentrale Theming zu heben. Wenn du ohnehin jedes Bedienelement anfasst, kostet das kaum Zusatzaufwand – und beim nächsten Rebranding sparst du dir die Woche, in der sonst jemand vierhundert Hexadezimalwerte von Hand tauscht. Denke auch daran, dass die Schriftstärke Medium wegfällt: Sprich das mit dem Marketing ab, bevor es das Marketing anspricht.
Schritt fünf ist die Offline-Vorbereitung, falls mobil und Netzabdeckung in deinem Szenario zusammentreffen. Entwirf das Offline-Profil bewusst mit FetchXML statt es automatisch erzeugen zu lassen, sonst lädst du den gesamten Datenbestand auf jedes Telefon. Prüfe dein Datenmodell gegen die Grenzwerte: fünfzehn Beziehungen pro Tabelle, höchstens eine davon n:m oder 1:n, vierzehn Bildspalten insgesamt, keine Zirkelbezüge. Und teste auf echten Geräten im echten Funkloch. Der Aufzug im eigenen Gebäude ist dafür ein hervorragendes Testlabor und kostet nichts.
Schritt sechs, und der wird garantiert vergessen: Sag den Anwendern Bescheid. Wenn sich die Optik ändert, Schaltflächen größer werden und die Live-Suche plötzlich erst beim Verlassen des Feldes reagiert, dann ist das für dich ein Fortschritt und für den Kollegen im Lager erst einmal ein kaputtes Programm. Zwei Sätze im Intranet und ein Vorher-Nachher-Bild verhindern mehr Tickets als jeder Regressionstest.
Häufig gestellte Fragen
Muss ich meine bestehenden Apps sofort auf die neuen Control-Versionen umstellen?
Nein, der Umstieg erfolgt pro Control und auf deine Initiative hin – bestehende Apps laufen zunächst unverändert mit ihrer bisherigen Control-Version weiter. Power Apps Studio zeigt dir lediglich einen Hinweis am Control an, dass eine neuere Version verfügbar ist. Sinnvoll ist es trotzdem, die Umstellung aktiv zu planen, statt sie so lange zu verschieben, bis niemand mehr weiß, welche Formeln daran hängen.
Warum reagiert meine Live-Suche nach dem Update nicht mehr bei jedem Buchstaben?
Weil das OnChange-Ereignis der Texteingabe in der neuen Version erst ausgelöst wird, wenn der Anwender das Feld verlässt, und nicht mehr bei jedem Tastenanschlag. Für eine Suche, die während des Tippens filtern soll, referenzierst du stattdessen direkt die Ausgabeeigenschaft des Controls in deiner Filterformel, also beispielsweise TextInput1.Text.
Wie viele Datensätze kann eine Offline-fähige Canvas-App mitnehmen?
Die Obergrenze liegt bei drei Millionen synchronisierten Datensätzen pro Offline-Profil, wobei versteckte Hilfstabellen mitzählen und ein Überschreiten die Synchronisation komplett scheitern lässt. Praktisch relevant ist eher die Startzeit: Ein automatisch erzeugtes Profil filtert nicht und lädt alle Zeilen herunter, die der Anwender sehen darf, deshalb solltest du das Profil mit FetchXML gezielt zuschneiden.
Funktionieren SharePoint-Listen oder Power-Automate-Flüsse in einer Offline-App?
Nein, der Offline-Betrieb setzt Dataverse voraus – Nicht-Dataverse-Konnektoren wie SharePoint und auch Power-Automate-Flüsse stehen ohne Verbindung nicht zur Verfügung. Wenn deine Daten heute in Excel-Dateien oder SharePoint-Listen liegen, führt der Weg zu einer offline-fähigen App über eine vorherige Übernahme dieser Daten nach Dataverse.
Lohnt sich der Online-Modus für unsere mobilen Apps überhaupt?
Er lohnt sich überall dort, wo veraltete Daten teuer werden – typischerweise bei Verfügbarkeitsprüfungen, Reservierungen oder Preisen, die sich im Tagesverlauf ändern. Für klassische Auftragsabarbeitung mit Abholung am Morgen und Rückmeldung am Abend bringt er wenig zusätzlichen Nutzen, und der Umschalter ist ab Werk ohnehin deaktiviert, sodass du bewusst entscheiden kannst.
Dieses Consulting-Dokument steht als PDF zum Download bereit: https://www.boddenberg.de/ArtikelPdf/power-apps-zieht-den-werkzeugkasten-gerade-und-deine-formeln-krumm.pdf — © Ulrich B. Boddenberg · boddenberg.de



