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Textfreie Grafiken und Übersetzungskosten

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Textfreie Grafiken und Übersetzungskosten

Einmal zeichnen, unbegrenzt übersetzen – das Legendenprinzip in der Technischen Dokumentation

Textfreie Grafiken: Wie gute Bilder Übersetzungskosten senken

Es gibt in der Technischen Dokumentation wenige Maßnahmen, die so wirksam sind und so selten umgesetzt werden wie diese: Abbildungen ohne Text anlegen und die Benennungen als nummerierte Legende in den Fließtext stellen. Der Unterschied klingt nach einer Geschmacksfrage der Bildgestaltung und ist in Wahrheit eine Kostenentscheidung – eine, die sich mit jeder Sprache und jeder Überarbeitung erneut auszahlt.

Der Grund liegt in einer Eigenschaft von Übersetzungsketten, die man einmal verstanden haben muss: Was in einer Bilddatei steht, wird nicht übersetzt. Es wird auch nicht als fehlend gemeldet – es fällt schlicht durch. Wer beschriftete Bilder verwendet, braucht deshalb je Sprache eine eigene Bildfassung, und damit hat er einen Kostenblock geschaffen, der mit der Sprachenzahl multipliziert.

Dieser Artikel erklärt das Legendenprinzip mit seinen sechs Regeln, zeigt die Kostenlogik bei mehreren Sprachen und liefert Hinweise, wo man im Ablauf ansetzt – bei neuen Bildern, bei Überarbeitungen und beim Altbestand. Denn die gute Nachricht ist, dass die Umstellung fast nichts kostet, wenn man sie zum richtigen Zeitpunkt vornimmt.

★ Fakten kompakt

  • Text in Bilddateien wird von der Übersetzungskette nicht erfasst – er muss je Sprache neu erstellt werden
  • Beim Legendenprinzip stehen im Bild nur Ziffern; die Benennungen laufen als Text mit
  • Eine textfreie Abbildung genügt für alle Sprachfassungen – eine beschriftete braucht je Sprache eine eigene
  • Der Effekt wirkt doppelt: über die Zahl der Sprachen und über die Zahl der Überarbeitungen
  • Bei der Neuerstellung kostet die Umstellung praktisch nichts – nur bei nachträglicher Umarbeitung entsteht Aufwand
  • Ziffern müssen über Fassungen hinweg konstant bleiben, sonst brechen die Verweise im Text
  •  

    Warum Text im Bild durchfällt

    Zum Verständnis lohnt ein kurzer Blick auf den Ablauf einer Übersetzung. Der Text eines Dokuments wird in Segmente zerlegt, an das Übersetzungswerkzeug übergeben, dort bearbeitet und zurückgespielt. Was dabei erfasst wird, ist Text – also alles, was als Zeichenkette vorliegt. Eine Bilddatei ist für diesen Vorgang ein undurchsichtiges Objekt: Sie wird mitgeführt, aber nicht geöffnet, und was darin an Beschriftungen steht, taucht in keinem Segment auf.

    Das Unangenehme daran ist nicht der Vorgang selbst, sondern seine Stille. Ein fehlender Textabschnitt fällt auf, weil die Zielsprachfassung eine Lücke hat. Eine nicht übersetzte Bildbeschriftung fällt nicht auf, weil das Bild vollständig aussieht – nur eben mit deutschen Wörtern darin. In mehrsprachigen Beständen findet man deshalb regelmäßig Abbildungen mit Beschriftungen in der Ausgangssprache, die dort seit Jahren stehen und die niemandem aufgefallen sind.

    Wer sie übersetzen will, muss einen eigenen Weg gehen: die Bilddatei öffnen, die Beschriftungen ersetzen, die neue Fassung speichern und in die richtige Sprachfassung einbinden. Das ist Handarbeit, sie fällt je Sprache an, und sie wiederholt sich bei jeder Änderung am Bild. Genau diesen Weg vermeidet das Legendenprinzip.

    Das Legendenprinzip

    Die Idee ist denkbar einfach: Im Bild stehen nur Ziffern, die einzelne Elemente kennzeichnen. Die zugehörigen Benennungen stehen als Liste im Fließtext direkt neben oder unter dem Bild – „1 Abdeckung, 2 Bedieneinheit, 3 Feinfilter". Damit ist die Bildbeschriftung Text geworden und läuft durch die Übersetzungskette mit wie jeder andere Satz. Die Bilddatei selbst bleibt für alle Sprachen dieselbe.

    Ziffern funktionieren dabei deshalb, weil sie sprachunabhängig sind – in allen Zielmärkten, für die europäische Anleitungen typischerweise entstehen, werden dieselben Ziffernzeichen verwendet. Buchstaben wären eine schlechtere Wahl, weil sie in manchen Schriftsystemen nicht vorkommen und weil eine Zuordnung wie „A für Abdeckung" nur in einer Sprache funktioniert. Bei Ziffern gibt es diese Kopplung nicht: Die Drei ist die Drei, unabhängig davon, was sie bezeichnet.

    Neben dem Kostenaspekt hat das Prinzip einen zweiten Vorzug, der oft übersehen wird: Es zwingt zu Klarheit über die Benennungen. Wer eine Legende schreibt, muss sich festlegen, wie ein Bauteil heißt – und diese Festlegung wandert in den Text, wo sie mit der Terminologie abgeglichen werden kann. Bei Beschriftungen im Bild passiert das nicht; dort steht, was der Illustrator hineingeschrieben hat, oft Jahre zuvor und ohne Bezug zur heutigen Wortliste.

    Vergleich: Beschriftung im Bild erzeugt je Sprache eine Bilddatei, Legende im Fließtext nur eine für alle Sprachen.

    Abb.: Derselbe Inhalt in zwei Varianten – der Unterschied zeigt sich ab der zweiten Sprache.

    Die Kostenlogik

    Rechnen wir das durch, ohne absolute Zahlen zu bemühen – die Verhältnisse genügen. Bei einer Sprachfassung kosten beide Varianten praktisch dasselbe: Ein Bild wird erstellt, mit Beschriftungen oder mit Ziffern, der Unterschied im Aufwand ist vernachlässigbar. Ab der zweiten Sprache trennen sich die Wege. Die textfreie Fassung läuft mit, weil nur die Legendenzeile im Fließtext übersetzt wird – wenige Wörter, die im Translation Memory landen und beim nächsten Mal wiederkehren.

    Die beschriftete Fassung dagegen erzeugt eine neue Aufgabe: Bilddatei öffnen, Beschriftungen ersetzen, Fassung speichern, einbinden. Bei zehn Sprachen sind das zehn Bildfassungen je Abbildung – und bei einer Anleitung mit dreißig Abbildungen dreihundert Bilddateien, die verwaltet, benannt und den richtigen Sprachfassungen zugeordnet werden müssen. Der Aufwand liegt dabei nicht nur in der Erstellung, sondern in der Verwaltung: Welche Datei gehört zu welcher Sprache und zu welchem Produktstand?

    Der zweite Multiplikator ist die Änderungshäufigkeit. Wird ein beschriftetes Bild überarbeitet – ein Bauteil ändert sich, eine Ansicht wird ergänzt –, muss die Änderung in alle Sprachfassungen. Beim textfreien Bild ändert man einmal und übersetzt allenfalls eine geänderte Legendenzeile. Über die Lebensdauer eines Produkts summiert sich dieser Unterschied erheblich, und zwar unbemerkt: Er steckt nicht in einer Rechnung, sondern in Arbeitszeit, die niemand zuordnet.

    Ein Unterschied nach Bildart lohnt dabei die Erwähnung. Bei Strichzeichnungen und Schemata ist die Umstellung technisch einfach: Beschriftungen entfernen, Ziffern setzen, fertig. Bei Fotografien ist sie es ebenfalls, sofern die Beschriftung nachträglich hinzugefügt wurde und nicht Teil des Motivs ist — dann liegt sie in einer eigenen Ebene und lässt sich ersetzen. Aufwändig wird es nur dort, wo Beschriftungen in ein Pixelbild eingebrannt wurden und die Quelldatei fehlt; dann bleibt oft nur die Neuerstellung.

    Balkendiagramm: Bildaufwand beschrifteter Bilder wächst linear mit Sprachzahl, textfreie Bilder bleiben konstant.

    Abb.: Relative Entwicklung des Bildaufwands – die grüne Linie bleibt flach, unabhängig von der Sprachenzahl.

    Situation

    Beschriftetes Bild

    Textfreies Bild

    Erstellung, eine Sprache

    Vergleichbarer Aufwand

    Vergleichbarer Aufwand

    Zweite Sprachfassung

    Neue Bilddatei nötig

    Läuft mit, nur Legende übersetzen

    Zehn Sprachfassungen

    Zehn Bilddateien je Abbildung

    Eine Bilddatei je Abbildung

    Änderung am Bild

    In alle Sprachfassungen einarbeiten

    Einmal ändern, fertig

    Neue Zielsprache später

    Alle Bilder erneut aufbereiten

    Nur Legendenzeilen übersetzen

    Verwaltung der Dateien

    Zuordnung Sprache und Stand nötig

    Eine Datei, keine Zuordnung

     

    Für Redaktionen mit Wiederverwendung kommt ein weiterer Vorteil hinzu, der die Wirkung verstärkt. Ein textfreies Bild lässt sich in mehreren Publikationen einsetzen, ohne dass die Sprachfrage mitwandert — dieselbe Datei erscheint in der Betriebsanleitung, in der Serviceunterlage und im Schulungsmaterial, jeweils mit einer eigenen Legende im umgebenden Text. Bei beschrifteten Bildern geht das nicht: Dort müsste je Publikation und je Sprache eine Fassung existieren, und die Zahl der zu verwaltenden Dateien wächst schnell ins Unübersichtliche.

    Das ist derselbe Mechanismus, der auch beim Text die Wiederverwendung so wertvoll macht — nur dass er bei Bildern noch stärker durchschlägt, weil Bilder in der Erstellung teurer sind als Absätze. In mehrsprachigen Häusern mit mehreren Publikationsarten ist die Kombination aus Wiederverwendung und Textfreiheit deshalb der wirksamste Einzelhebel im gesamten Bildbereich.

    Sechs Regeln für brauchbare Legenden

    Die Kostenersparnis hängt allein an Regel eins: keine Wörter im Bild. Die übrigen fünf Regeln sorgen dafür, dass der Leser trotzdem gut zurechtkommt – und das ist wichtiger als die Ersparnis, weil eine schlecht gemachte Legende Verständlichkeit kostet. Regel zwei betrifft die Reihenfolge: Die Nummerierung folgt einer nachvollziehbaren Logik, etwa der Reihenfolge der Handlungsschritte oder dem Uhrzeigersinn. Willkürlich verteilte Ziffern zwingen den Leser zum Suchen.

    Regel drei: Die Legende steht nah am Bild – direkt darunter oder daneben, nie auf der nächsten Seite und schon gar nicht in einem Anhang. Jeder Blickwechsel zwischen Bild und Legende kostet Aufmerksamkeit, und wer blättern muss, verliert den Zusammenhang. Regel vier: sparsam nummerieren. Nur was im Text tatsächlich gebraucht wird, bekommt eine Ziffer; zwanzig Positionen in einem Bild helfen niemandem. Als Faustregel haben sich höchstens acht bewährt – darüber lohnt eher ein zweites Bild mit anderem Ausschnitt.

    Regel fünf betrifft die Lesbarkeit: Die Ziffern müssen ausreichend groß sein, sich vom Untergrund abheben und – wo das Element klein ist – über eine Linie mit dem bezeichneten Teil verbunden werden. Das gilt auch für die kleinste Darstellungsgröße, in der das Bild vorkommt. Und Regel sechs ist die, die im Betrieb am häufigsten gebrochen wird: Ziffern bleiben konstant. Was einmal die Drei war, bleibt die Drei – auch wenn ein Bauteil dazukommt oder entfällt. Wer neu durchnummeriert, bricht alle Textverweise, die sich auf diese Ziffern beziehen.

    Eine praktische Ergänzung zu Regel sechs, weil sie im Alltag Wirkung entfaltet: Wer Ziffern über Fassungen hinweg konstant halten will, lässt am besten Lücken. Entfällt Position drei, bleibt die Drei einfach unbesetzt, statt dass alles Nachfolgende aufrückt. Kommt eine hinzu, bekommt sie die nächste freie Nummer, auch wenn sie räumlich woanders sitzt. Das wirkt unordentlich und ist die pragmatische Lösung — Alternativen wären, alle Textverweise zu prüfen oder das Bild samt Legende neu aufzubauen.

    Sechs Regeln des Legendenprinzips: nur Ziffern im Bild, feste Reihenfolge, Legende nah am Bild, sparsam nummerieren u.a.

    Abb.: Sechs Regeln – die erste spart die Kosten, die übrigen fünf erhalten die Verständlichkeit.

    ⚠ Warnung: Die stille Sprachlücke

    In mehrsprachigen Beständen mit beschrifteten Bildern findet man regelmäßig Abbildungen, deren Beschriftungen noch in der Ausgangssprache stehen — seit Jahren, in ausgelieferten Anleitungen, ohne dass es jemandem aufgefallen wäre. Der Grund ist die Stille des Vorgangs: Ein fehlender Textabschnitt hinterlässt eine Lücke, eine nicht übersetzte Bildbeschriftung nicht. Das Bild sieht vollständig aus.

    Bei sicherheitsrelevanten Inhalten wird das heikel: Ein Warnhinweis, der als Text im Bild steht und nicht übersetzt wurde, erreicht den Leser nicht. Deshalb lohnt eine gezielte Durchsicht der Bilder in den Zielsprachfassungen — und zwar unabhängig davon, ob man auf das Legendenprinzip umstellt. Was man dabei findet, ist meist mehr als erwartet.

     

    Ein Einwand kommt an dieser Stelle regelmäßig und verdient eine Antwort: Ist ein beschriftetes Bild nicht einfach verständlicher? Wer direkt am Bauteil liest, was es ist, muss nicht zwischen Bild und Legende wechseln. Der Einwand hat einen wahren Kern — bei einzelnen, isoliert betrachteten Abbildungen kann die direkte Beschriftung tatsächlich schneller erfassbar sein.

    In der Praxis relativiert sich das allerdings aus zwei Gründen. Erstens ist der Blickwechsel kurz, wenn die Legende unmittelbar am Bild steht — Regel drei existiert genau deshalb. Zweitens gewinnt der Leser etwas: Die Legende gehört zum Fließtext und wird damit von der Suche gefunden, von der Terminologieprüfung erfasst und von einem Assistenten gelesen. Was im Bild steht, ist für all das unsichtbar. Bei einem Bestand, der auch digital genutzt wird, ist das ein Argument, das über den einzelnen Blickwechsel hinausgeht.

    Die technische Seite: Formate und Ebenen

    Damit das Prinzip im Betrieb trägt, braucht es zwei technische Voraussetzungen, die man beim Beauftragen festlegen sollte. Die erste ist das Dateiformat: Abbildungen gehören als Vektordateien geliefert, wo das möglich ist — bei Strichzeichnungen, Schemata und Explosionsdarstellungen also fast immer. Vektordateien bleiben in jeder Größe scharf, lassen sich nachträglich bearbeiten und erlauben es, einzelne Elemente zu verschieben, ohne das Bild neu zu erstellen.

    Die zweite Voraussetzung ist die Ebenentrennung: Die Ziffern gehören in eine eigene, bearbeitbare Ebene, getrennt von der eigentlichen Darstellung. Der Grund zeigt sich beim ersten Änderungsbedarf — wenn ein Element hinzukommt, eine Ziffer verrutscht ist oder eine Position ergänzt werden muss. Mit getrennter Ebene ist das eine Sache von Minuten; ohne sie beginnt die Suche nach der Quelldatei, und wenn die fehlt, wird das Bild neu gezeichnet.

    Genau diese fehlende Quelldatei ist übrigens einer der häufigsten Befunde in gewachsenen Beständen. Bilder liegen als Pixeldatei vor, der Illustrator ist längst ein anderer, und die ursprüngliche Datei ist verschwunden. Wer das im eigenen Bestand vermutet, sollte es prüfen, bevor eine neue Zielsprache ansteht — denn dann wird aus einer kleinen Anpassung eine Neuerstellung, und die kostet ein Vielfaches.

    Wo man im Ablauf ansetzt

    Der günstigste Zeitpunkt ist das Bildkonzept – also die Entscheidung, bevor eine Abbildung überhaupt entsteht. Wer festlegt, dass Bilder textfrei mit Nummerierung angelegt werden, zahlt dafür nichts: Der Illustrator setzt Ziffern statt Wörtern, der Fotograf bekommt eine entsprechende Vorgabe, die Redaktion schreibt die Legende ohnehin. Der Zusatzaufwand ist null, der Nutzen fällt ab der zweiten Sprache an.

    Der zweitbeste Zeitpunkt ist die Überarbeitung: Wenn ein Bild ohnehin geändert wird, stellt man es bei dieser Gelegenheit um. Auch hier ist der Zusatzaufwand gering, weil die Datei ohnehin geöffnet wird. Ein dritter sinnvoller Anlass ist die Aufnahme einer neuen Zielsprache – wer ohnehin vor der Aufgabe steht, zwanzig Bilder für eine weitere Sprache aufzubereiten, stellt sie stattdessen um und hat das Problem für alle künftigen Sprachen erledigt.

    Was sich selten lohnt, ist die pauschale Umstellung des gesamten Bestands als eigenes Vorhaben. Der Aufwand ist erheblich, und ein Teil der Bilder gehört zu Produkten, die kaum noch geändert werden oder nur in wenigen Sprachen vorliegen. Sinnvoller ist die Priorisierung nach denselben Kriterien wie bei jeder Bestandsarbeit: Sprachenzahl mal Änderungshäufigkeit. Ein Bild in acht Sprachen, das jährlich überarbeitet wird, lohnt die Umstellung sofort; eines in zwei Sprachen, das seit fünf Jahren unverändert ist, praktisch nie.

    Vier Einstiegspunkte zur Umstellung auf textfreie Bilder: Bildkonzept, Überarbeitung, neue Sprache, Pauschalumstellung.

    Abb.: Vier Zeitpunkte mit sehr unterschiedlichem Zusatzaufwand – der erste ist der beste.

    ✓ Praxis-Tipp: Die Bildvorgabe an Illustrator und Fotograf

    Formuliere die Anforderung einmal als knappe Vorgabe und gib sie bei jedem Auftrag mit: keine Wörter, Abkürzungen oder Einheiten im Bild; Positionen mit Ziffern kennzeichnen; Nummerierung im Uhrzeigersinn oder in Ablaufreihenfolge; Ziffern in ausreichender Größe mit Kontrast; bei kleinen Elementen mit Verweislinie; Lieferung als Vektordatei, wo möglich.

    Diese sechs Zeilen ersparen die wiederkehrende Diskussion und die spätere Nacharbeit. Ergänzend lohnt der Hinweis, dass die Ziffern in einer eigenen, bearbeitbaren Ebene liegen sollen — dann lassen sie sich später verschieben oder ergänzen, ohne das Bild neu zu erstellen. Wer das erst nach der Lieferung merkt, zahlt für dieselbe Arbeit zweimal.

     

    Zur Bestandsaufnahme lohnt ein einfaches Vorgehen, das in einer Stunde Klarheit schafft: Man nimmt die drei umfangreichsten Anleitungen, zählt die Abbildungen und markiert, welche davon Text enthalten. Daraus ergibt sich unmittelbar die Größenordnung — wie viele Bilder betroffen sind und was eine zusätzliche Sprache an Bildaufwand bedeuten würde. Diese Zahl ist die Grundlage jeder Entscheidung über die Umstellung, und sie ist erfahrungsgemäß höher, als die Redaktion erwartet.

    Ergänzend lohnt die Frage nach den Quelldateien: Liegen für die betroffenen Bilder bearbeitbare Fassungen vor, oder nur die eingebundenen Pixelbilder? Diese zweite Zahl entscheidet über den Aufwand — bei vorhandenen Quelldateien ist die Umstellung Handarbeit von Minuten je Bild, ohne sie wird sie zur Neuerstellung. Wer beide Zahlen kennt, kann rechnen statt zu schätzen.

    Was mit KI-Werkzeugen geht — und was nicht

    Weil dieser Beitrag in einem Zusammenhang mit KI-erzeugten Bildern steht, gehört die Einordnung dazu. Bildgeneratoren haben mit Text im Bild eine bekannte Schwäche: Was sie an Beschriftungen erzeugen, ist häufig unbrauchbar – verfremdete Wörter, sinnlose Zeichenfolgen, falsche Schreibweisen. Was bei anderen Anwendungen ein Ärgernis ist, fällt hier ausnahmsweise nicht ins Gewicht: Wer ohnehin textfreie Bilder will, braucht die Beschriftungsfähigkeit nicht.

    Umgekehrt heißt das aber nicht, dass generierte Bilder deshalb für Anleitungen taugen. Die Einordnung aus dem Beitrag zu KI-Illustrationen gilt unverändert: Konzeptdarstellungen ja, Produktdarstellungen nein. Ein textfreies generiertes Bild, das eine Maschine zeigt, die es so nicht gibt, ist nicht besser als ein beschriftetes – es ist nur billiger falsch. Die Textfreiheit löst ein Übersetzungsproblem, kein Richtigkeitsproblem.

    Wo KI-Werkzeuge in diesem Zusammenhang tatsächlich helfen, ist die Bestandsarbeit: Sie können Bilder daraufhin durchsehen, ob Text enthalten ist – eine Fleißaufgabe, für die sonst niemand Zeit hat. Das Ergebnis ist eine Liste der Abbildungen, die Beschriftungen enthalten, sortiert nach Dokument. Diese Liste ist der Einstieg in die Priorisierung, und sie folgt derselben Regel wie alle Werkzeugeinsätze in dieser Serie: Listen erzeugen, keine Änderungen.

    Für die MVO-Vorbereitung ergibt sich daraus ein konkreter Anknüpfungspunkt. Wer bis Januar 2027 klären muss, in welchen Amtssprachen seine Anleitungen vorliegen müssen, stellt dabei oft fest, dass Sprachen hinzukommen — und genau in diesem Moment lohnt der Blick auf die Bilder. Die Umstellung vor der Aufnahme einer neuen Sprache kostet ungefähr so viel wie die einmalige Bildaufbereitung für diese eine Sprache, mit dem Unterschied, dass sie sich bei der nächsten nicht wiederholt.

    Wer die Themen dagegen nacheinander abarbeitet — erst die Sprachfassungen aufbereiten, später über Bildkonzepte nachdenken —, zahlt die Bildaufbereitung mehrfach. Das ist derselbe Zusammenhang, der sich durch die ganze Serie zieht: Die Maßnahmen greifen ineinander, und wer sie gemeinsam angeht, zahlt einmal statt dreimal.

    Grenzen des Prinzips

    Bei aller Wirksamkeit hat das Legendenprinzip Grenzen, und sie gehören benannt. Die erste betrifft Bildschirmabbildungen: Wer eine Bedienoberfläche zeigt, kann die darin enthaltenen Menüpunkte nicht durch Ziffern ersetzen – sie sind Teil dessen, was dargestellt wird. Für Softwaredokumentation ist das eine eigene Fragestellung mit eigenen Antworten; sie behandelt der Folgebeitrag dieser Serie.

    Die zweite Grenze betrifft Zusammenhänge, in denen die Zuordnung von Ziffer zu Element schwerfällt – etwa bei sehr dichten Darstellungen mit vielen nah beieinanderliegenden Teilen. Dort kann eine direkte Beschriftung tatsächlich verständlicher sein. Die Lösung ist dann nicht die Rückkehr zur Beschriftung, sondern ein anderes Bildkonzept: mehr Bilder mit kleineren Ausschnitten statt eines überfrachteten. Das ist ohnehin die bessere Doku und kostet in der Übersetzung nichts zusätzlich.

    Die dritte Grenze ist praktischer Natur: Schilder, Typenschilder und Bedienelemente, die tatsächlich Text tragen und im Bild erkennbar sein sollen. Hier ist der Text Teil des abgebildeten Gegenstands, nicht Teil der Bildbeschriftung. Was hilft, ist die Ergänzung im Fließtext – die Aufschrift wird im Text wiedergegeben und dort übersetzt, während das Bild den realen Zustand zeigt. Der Leser sieht dann das Original und liest die Bedeutung.

    ℹ Ein typischer Fall aus der Praxis

    Ein typischer Fall sieht so aus: Ein Hersteller nimmt zwei neue Zielsprachen auf und lässt zunächst die Kosten schätzen. Die Übersetzungsmenge ist überschaubar — bis auffällt, dass die Anleitungen rund vierzig beschriftete Abbildungen enthalten, die für jede neue Sprache aufbereitet werden müssen. Die Bildaufbereitung kostet dabei mehr Zeit als die eigentliche Textübersetzung, und die Quelldateien liegen für einen Teil der Bilder gar nicht mehr vor.

    Die Entscheidung fiel zugunsten der Umstellung, allerdings gestaffelt: Die Bilder der aktiven Baureihen wurden auf Ziffern und Legende umgestellt, die übrigen blieben zunächst. Der Aufwand entsprach etwa dem, was die einmalige Aufbereitung für zwei Sprachen gekostet hätte — mit dem Unterschied, dass er sich bei der nächsten Sprache nicht wiederholt. Und die Quelldateien-Lücke wurde zum Anlass, künftig Ziffern in einer eigenen Ebene zu verlangen.

     

    Der Nebeneffekt: bessere Verständlichkeit

    Zum Schluss ein Argument, das mit Kosten nichts zu tun hat und in der Praxis oft den Ausschlag gibt. Das Legendenprinzip verbessert die Verständlichkeit – wenn man die Regeln zwei bis sechs einhält. Der Grund liegt in der Kopplung zwischen Bild und Text: Wer eine Legende schreibt, muss die Benennungen mit dem Fließtext abgleichen, und dabei fällt auf, wenn dasselbe Teil im Text anders heißt als im Bild.

    Bei beschrifteten Bildern passiert dieser Abgleich nicht. Die Beschriftung entstand irgendwann beim Erstellen des Bildes, der Text wurde später geschrieben, und ob beide dieselben Wörter verwenden, prüft niemand. In gewachsenen Beständen findet man deshalb regelmäßig Abbildungen, in denen ein Bauteil anders heißt als in der zugehörigen Handlungsanweisung – eine Fehlerquelle, die den Leser genau in dem Moment trifft, in dem er zwischen Text und Bild wechselt.

    Dazu kommt die Wirkung auf die Terminologiearbeit: Benennungen, die als Text vorliegen, lassen sich prüfen – von Hand, durch die Konsistenzprüfung oder maschinell. Was in Bilddateien steckt, entzieht sich jeder Prüfung. Wer also Terminologie ernst nimmt, hat einen zusätzlichen Grund für textfreie Abbildungen, unabhängig davon, in wie vielen Sprachen die Anleitung erscheint.

    Bleibt die Frage, wie man das im Team verankert. Die Antwort ist unspektakulär: als Zeile im Styleguide und als Punkt in der Reviewliste. Im Styleguide steht, dass Abbildungen textfrei angelegt werden und wie die Legende aufgebaut ist; in der Reviewliste steht die Frage, ob das eingehalten wurde. Beides zusammen sorgt dafür, dass die Regel nicht von der Person abhängt, die gerade schreibt — und dass sie auch bei extern beauftragten Bildern greift, weil die Vorgabe Teil des Auftrags wird.

    Erfahrungsgemäß braucht es zusätzlich einmal die Erklärung des Warum. Eine Regel, die als Formalie ankommt, wird umgangen, sobald es eng wird; eine, deren Nutzen verstanden ist, hält. Die zehn Minuten, in denen man dem Team die Kostenlogik zeigt — eine Bilddatei gegen zehn —, sind deshalb gut investiert und ersparen die wiederkehrende Diskussion im Einzelfall.

    Fazit

    Text in Bilddateien fällt durch die Übersetzungskette – still, ohne Fehlermeldung, und mit der Folge, dass je Sprache eine eigene Bildfassung entsteht. Das Legendenprinzip löst dieses Problem mit einem einfachen Griff: Ziffern im Bild, Benennungen als Text daneben. Damit genügt eine Bilddatei für alle Sprachfassungen, und Änderungen fallen nur einmal an statt in jeder Sprache erneut.

    Der Aufwand für die Umstellung hängt fast vollständig am Zeitpunkt: Bei neuen Bildern ist er null, bei ohnehin anstehenden Überarbeitungen gering, vor der Aufnahme einer neuen Sprache lohnt er sich sofort. Was selten trägt, ist die pauschale Umstellung des Altbestands – dort priorisiert man nach Sprachenzahl und Änderungshäufigkeit. Der beste erste Schritt ist die Bildvorgabe an Illustrator und Fotograf, sechs Zeilen lang. Wenn du bei Bildkonzept, Priorisierung oder der Durchsicht des Bestands Unterstützung willst: Genau dabei unterstütze ich dich gern; die Details findest du auf der Beratungsseite zur Technischen Dokumentation.

    Häufige Fragen zu textfreien Grafiken

    Warum wird Text in Bildern nicht mitübersetzt?

    Weil die Übersetzungskette Text verarbeitet, also Zeichenketten – eine Bilddatei ist für sie ein undurchsichtiges Objekt, das mitgeführt, aber nicht geöffnet wird. Beschriftungen darin tauchen in keinem Segment auf. Unangenehm ist dabei vor allem die Stille des Vorgangs: Ein fehlender Textabschnitt hinterlässt eine sichtbare Lücke, eine nicht übersetzte Bildbeschriftung nicht – das Bild sieht vollständig aus, nur eben mit Wörtern in der Ausgangssprache.

    Wie funktioniert das Legendenprinzip genau?

    Im Bild stehen nur Ziffern, die einzelne Elemente kennzeichnen. Die zugehörigen Benennungen stehen als kurze Liste im Fließtext direkt neben oder unter dem Bild – etwa „1 Abdeckung, 2 Bedieneinheit, 3 Feinfilter". Damit ist die Beschriftung Text geworden und läuft durch die Übersetzungskette mit wie jeder andere Satz. Ziffern eignen sich dafür, weil sie sprachunabhängig sind; Buchstaben wären schlechter, weil eine Zuordnung wie „A für Abdeckung" nur in einer Sprache aufgeht.

    Lohnt sich die Umstellung des vorhandenen Bestands?

    Pauschal selten, priorisiert oft. Der Aufwand für eine flächendeckende Umstellung ist erheblich, und ein Teil der Bilder gehört zu Produkten, die kaum geändert werden oder nur in wenigen Sprachen vorliegen. Die sinnvolle Priorisierung folgt zwei Größen: Sprachenzahl mal Änderungshäufigkeit. Ein Bild in acht Sprachen, das jährlich überarbeitet wird, lohnt sofort; eines in zwei Sprachen, seit fünf Jahren unverändert, praktisch nie. Neue Bilder werden dagegen ausnahmslos textfrei angelegt.

    Was ist mit Bildschirmabbildungen?

    Die sind der klassische Grenzfall: Menüpunkte und Schaltflächen einer Bedienoberfläche lassen sich nicht durch Ziffern ersetzen, weil sie Teil dessen sind, was gezeigt wird. Für Softwaredokumentation gelten deshalb eigene Überlegungen – von der Frage, wie viele Bildschirmabbildungen überhaupt nötig sind, bis zur Abstimmung mit der Softwarelokalisierung. Der Folgebeitrag dieser Serie behandelt das ausführlich; das Legendenprinzip greift dort nur eingeschränkt.

    Was gehört in die Vorgabe an den Illustrator?

    Sechs Punkte reichen: keine Wörter, Abkürzungen oder Einheiten im Bild; Positionen mit Ziffern kennzeichnen; Nummerierung im Uhrzeigersinn oder in Ablaufreihenfolge; Ziffern ausreichend groß und kontrastreich; bei kleinen Elementen mit Verweislinie; Lieferung als Vektordatei mit den Ziffern in einer eigenen, bearbeitbaren Ebene. Der letzte Punkt wird oft vergessen und ist teuer nachzuholen – ohne ihn lässt sich eine Ziffer später nicht verschieben, ohne das Bild neu zu erstellen.

     

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